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Der Kehlturm

Kehlturm am ehemaligen Omnibusbahnhof


 

Die Stadt auf dem Hügel

In alten Neusser Urkunden ist eine lateinische Bezeichnung „monticulum" überliefert, was kleiner Berg oder flache Erhebung bedeutet, Hügel, Buckel oder Bühl. Diese Bezeichnung lebt in der Straße „Büchel" fort, dem höchstgelegenen Teil des Altstadtkerns, auf dem die Quirinuskirche, das Vogthaus als ehemaliges erzbischöfliches Haus und das Rathaus errichtet sind. Ebenso ist im heutigen Stadtbild noch die Erhebung selber zu erkennen.

Noch deutlich fällt nach allen Seiten das Gelände ab: am Markt, der in früheren Jahrhunderten viel steiler als heute bergab führte, im Zuge der Quirinus-, der Rhein- und der Münsterstraße, im Verlauf der Niederstraße und nach Westen im Zuge der Neustraße, nach Süden endlich im Verlauf der Oberstraße, wo allerdings der Geländeabfall weniger stark ins Auge fällt.

Der Hügel stellt sich als langgestreckte, nach Süden flach auslaufende vorzeitliche Düne auf der Niederterrasse dar, mit einer Scheitelfläche im Raum zwischen den genannten Bauwerken, mit schwach geböschter Westseite und steilwandiger Ostseite, im Räume Glockhammer-Neumarkt langsam abfallend und zwischen Rheintor und Niedertor gegen das tiefer gelegene Außengelände endend in einem steilen „Wall", der nur am nordöstlichen Ende, am Rheinufer, Platz ließ für eine später durch das Rheintor gesicherte Uferstraße.

Der Siedlungsraum der werdenden Stadt war im Osten begrenzt vom Rheinstrom, der vielleicht einmal von Grimlinghausen her in einem weiten Bogen auf Neuss zu und nach Nordosten weiter floss, dann, zu unbekannter Zeit, einen Arm bildete, der als „Kalle" oder Kehl vom heutigen Hamm aus nach Westen in Richtung Neuss strömte, das er unterhalb des jetzigen Omnibusbahnhofs berührte, um am Steilhang entlang dem alten Lauf zu folgen.

Die Erft schlängelte sich von Süden nach Norden durch das Hammfeld und vereinigte sich zuerst vor der Stadt, später, nach Bildung des Ost-West-Rheinarmes, unter den Mauern von Neuss mit dem Rhein, und zwar dort, wo ein mächtiger Batterieturm die Kehl bewachte, der noch erhaltene Kehlturm am Osthang des Omnibusbahnhofes.

Westlich des Hügels lag, für die mittelalterliche Stadtbefestigung ein natürlicher Querriegel, das ausgedehnte Broich- oder Bruchgebiet der Krurniederung, die mit dem Niersbruch in Verbindung stand, welches über ein altes Stromtal zur Maas führte; die Krur, die im Norden von Neuss entsprang, mündete in der Nähe des heutigen Rosengartens in den Stadtgraben.

Diese Flussrinne, die später den Nordkanal aufnahm, wird als ehemaliger Rheinarm angesehen, von dem sich ein Rest auch im sumpfigen „Meertal" erhalten hatte. Die „Furth" bezeichnet noch heute die Stelle, an der ein Durchschreiten der Niederung möglich war.

Der zwar korrigierte, aber trotzdem bis in die Gegenwart hinein gewundene Verlauf der Rheydter Straße, einer alten Heerstraße, lässt erkennen, wie man auch hier in früherer Zeit einen Weg durch das Bruchgebiet gesucht hat, dessen Bebauung wegen der zahlreichen Quellzuflüsse und des dadurch bedingten hohen Grundwasserstandes noch bis vor wenigen Jahrzehnten mit Schwierigkeiten verbunden war und zurückblieb.

Alle diese natürlichen Gegebenheiten dürfen mit dazu beigetragen haben, dass die vom Hügel ausgehende Besiedlung eher in die Länge als in die Breite wuchs; und als die Zeit gekommen war, den Ort mit Wall und Graben zu sichern, bediente man sich der von der Natur vorgezeichneten Möglichkeiten.

Geländebezeichnungen, wie sie Jahrhunderte hindurch im Westen und Norden der Stadt anzutreffen sind und sich zum Teil bis in die Gegenwart erhalten haben, sind die letzten Belege für verschwundene Landschaftsformen: Broich (wasserführende Niederung), Tal, Weiher, Laach (Lache, mit Wasser gefüllte Vertiefung), Maar oder Meer (Sumpf, stehendes Wasser), Poel (Pfuhl, große Pfütze, wie in Kradenpoel, Krötenpfuhl) und Luis (Leusch, Schilf).

Die Umgebung von Neuss war von ausgedehnten Wäldern bedeckt, an die heute nur noch bescheidene Waldflächen, wie der Mühlenbusch, der Knechtstedener und der Chorbusch und die Auwälder in den Flußauen von Rhein, Erft und Norf, sowie Flur- und Ortsbezeichnungen erinnern wie der längst verschwundene Stüttgerbusch im Süden, der mit seinem teilweise tausendjährigen Bestand an Eichen und Buchen erst um 1800 abgeholzte Heerdterbusch im Norden, das Buchholz im Westen der Stadt und andere auf Urbarmachung und Besiedlung hinweisende Holz- und Rodenamen zahlreicher Orte.

Der Wald bei Neuss bildete die Ausläufer eines geschlossenen Waldkomplexes, der sich bis zur nördlichen Eifel erstreckte, im Süden die ganze Ville umfasste und nach der Eroberung des Landes durch die Franken königlicher Forst geworden war. Dass in den Siedlungen dieses Gebietes viele Kirchen errichtet wurden, die altfränkische Heilige zu Patronen haben, sieht man als eine Bestätigung dafür an, dass es sich um alten merowingischen Waldbesitz handelt.

Zu den Kirchenpatronen, die zur ältesten fränkischen Kulturschicht gerechnet werden, zählt St. Martinus, einer der beliebtesten Heiligen, dem auch im Umkreis von Neuss zahlreiche Kirchen geweiht sind, wie in Bürgel/Zons, Uedesheim, Nettesheim, Holzheim (Holz ist Busch oder Wald), Kaarst (Karlsforst), Wevelinghoven, Bedburdyck, Gierath und anderen Orten; allerdings begegnet eine Datierung allein nach dem Patrozinium Schwierigkeiten, da derartige Patrozinien oft auch von anderen Faktoren abhängig waren und bei jüngeren Gründungen anzutreffen sind.

Am ehesten sind die Ortsnamen auf -heim fränkischem Ursprung zuzuschreiben. Um die Wende vom neunten zum zehnten Jahrhundert gelangte die Kölner Kirche durch königliche Schenkung in den Besitz des Wildbanns, der Jagdgerechtsame und der damit verbundenen Gerichtsbarkeit und Strafgewalt, die 973 Kaiser Otto II. (961—983) dem Erzbischof Gero (969—976) erneut bestätigte für das Gebiet „per totam Filam inter Arnapham et Renum usque ad ostia ubi confluunt", der ganzen Ville zwischen Erft und Rhein bis zu ihrem Zusammenfluss.

Teile des Waldgebietes in der Umgebung von Neuss gingen später in den Besitz des Erzbischofs über, der den Wald roden ließ. Auf erzbischöflichem Grund und Boden entstanden so im Weichbild der späteren Stadt Höfe wie Kaldenberg oder Kamberg, Fetscherei und Baldhof sowie das vor dem Obertor gegründete Oberkloster der Regularkanoniker, denen Erzbischof Philipp von Heinsberg unter anderem die Nutznießung seiner Wälder und Wiesen bei Neuss gestattete.

 

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Löwe am Markt

 

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