Der Löwe am Markt

Jedem Neusser Schützen ist er bekannt: Der Löwe am Markt Er bildet für die Parade eine besondere Grenze. Spätestens am Löwen muss sich jeder Schütze eingereiht haben. Wer zu spät kommt, den bestraft der Spieß. Dann wird es ernst.

 

Wenn man am Löwen angekommen ist, hört man schon die "Große Locke" des Spielmannszuges, und der Vorbeimarsch an König und Komitee nimmt seinen ewig gleichen Lauf. Nur selten steht dieses eindrucksvolle Denkmal am unteren Ende des Marktes so im Mittelpunkt des Geschehens wie zu Zeiten des Schützenfestes. Ursprünglich sollte am Zeughaus das Reiterstandbild für Kaiser Wilhelm I. aus dem Hause Hohenzollern stehen.

So ist es schon ein Witz der Neusser Stadtgeschichte, dass am Zeughaus nun das Denkmal für den Untergang des "Hauses Preußen" steht. Im Jahre 1878 hatten die Neusser das Kriegerdenkmal noch für die siegreichen Schlachten der Preußen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich auf dem Münsterplatz errichtet. Es war ein Denkmal des Sieges und des nationalistischen Überschwangs.

Doch am 10. März 1929, elf Jahre nach der Kapitulation im Ersten Weltkrieg, wurde es ein Denkmal der Niederlage, der Schmach und des Zorns: Der Löwe, der König der Tiere, ist tödlich getroffen. Der Stärkste im Tierreich ist gefallen - so wie die 902 Neusser Soldaten, die an den Fronten des Krieges ihr Leben lassen mussten.

In seiner Weiherede drückte der Pfarrer von St. Marien, Dechant Msgr. Karl Brucherseifer, 1929 die Gedanken seiner Zeit aus: "Das Denkmal muss ein dauernder Mahner sein an die Gefallenen. Unsere Gefallenen, das waren Männer, die im Verantwortungsgefühl und Pflichtbewusstsein handelten, an dem Platz, wohin sie gestellt waren, und in eisernem Willen, ihre Pflicht zu tun.

(...) Das ist Manneswürde, das ist Mannestugend."

Anders als 1878 nahm diesmal auch die katholische Kirche an den Einweihungsfeierlichkeiten teil, die ihren Beginn mit einer Heiligen Messe in St. Marien nahmen. In einem Trauerzug, an dessen Spitze Oberbürgermeister Heinrich Hüpper stand, zogen die Neusser zunächst zum christlichen, dann zum jüdischen Friedhof und anschließend zum Markt.

Die Neußer Zeitung schrieb damals: "Einen unvergesslichen Anblick bot der Marktplatz, auf dem Tausende von Bürgern dichtgedrängt standen.

Um das mit den rot-weißen Stadtfarben verhangene Denkmal nahmen die sehr zahlreichen Fahnen aus dem Trauerzug - 80-90 Fahnen und Standarten - Aufstellung." Als die Hüllen fielen, erblickten die Neusser eine Bronzeskulptur, die mit einem Gewicht von 688 Kilo auf einem 2,50 Meter hohen Sockel stand. Der sterbende Löwe des Kölner Bildhauers Miller selbst ist 1,50 Meter hoch und 3,25 Meter lang.

Die unruhigen Zeiten der späten Weimarer Republik ließen aber auch bei dieser Feier der nationalen Einheit keine politische Einigkeit aufkommen.

So beklagte "Der freie Sprecher", die SPD-Zeitung, eine Provokation, die von Major Hoffmann, einem Vertreter des Kreis-Kriegerverbandes ausging. Trotz der Vereinbarung, dass keine weiteren Reden gehalten werden sollten, sei der Major "mit seinem 15-Groschen-Kranz" nach vorne geprescht und habe das Wort ergriffen, so dass die Musikkapelle sogar ihren Choral unterbrechen musste.

Zudem beklagte die Zeitung die schwarz-weiß-rote Schleife am Kranz des Majors, also die Farben des alten Kaiserreiches. Deutschland hatte damals aber schon die Farben schwarz-rot-gold als Nationalfahne - was aber nicht von allen anerkannt wurde. Möglicherweise wählte man auch deshalb die Stadtfarben für die Verhüllung des Denkmals.

Carsten Greiwe: NGZ

 

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