Das Vogthaus am Münsterplatz

Das Neusser Vogthaus und seine Geschichte

Schon immer haben die Neusser ihr Geld ins Vogthaus gebracht, früher in Form von Steuern und Strafgeldern; heute als Zeche nach einem feucht-fröhlichen Abend.


 

Das Glockenspiel am Giebel des Vogthauses

Das Glockenspiel das heute am Giebel des Vogthauses zu sehen und zu hören ist wurde 1973 vom Rat der Stadt gestiftet. Anlass war das 150 jährige bestehen des Neusser Bürger-Schützenvereins und wurde 1975 fertig gestellt. Seitdem nun erklingen täglich 24 Glocken mit Neusser Heimat und Schützenliedern um (11, 15 und 17 Uhr) um Kind und Kegel zu erfreuen.

Begleitet wird dieses Spiel von 27 Schützenfiguren 2 Pferden und einer Kanone

 

Der Kölner Stützpunkt

Sollte ein Damoklesschwert über dem Altbier-Ausschank der Brauerei Frankenheim im Neusser Vogthaus am Münsterplatz hängen? Schon seit einiger Zeit gehört das historische Gemäuer dem Kölner Kaufmann Hermann Müller.

Dass allein wäre noch nicht weiter besorgniserregend, aber Müller ist Inhaber der Kölsch-Brauerei Früh (doch wenigstens ist er gebürtiger Neusser). Ein Schelm, der Böses dabei denkt: Was aber läge näher als das ehemals kürkölnischen Vogthaus wiederum zu einem Stützpunkt kölscher Lebens- und Braukunst zu machen?

Die historischen Erinnerungen an die Zeiten, in denen am Münsterplatz der kurkölnische Vogt als Vertreter des Landesherrn residierte, sind jedoch keine guten für die Neusser. Als Vogt Johann Horn genannt Goldschmidt im Jahre 1597 „sein“ Haus errichtete, war es Symbol für den ungebetenen Einfluss des Kölner Kurfürsten und Erzbischofs als Landesherr.

Über Jahrhunderte hatten sich die Neusser als stolze und freie Bürger gefühlt. Die tapfere Verteidigung ihrer Stadt gegen den Burgunderherzog Karl (1474/75) führte zu zahlreichen Rechten und Privilegien, die die Quirinusstadt beinahe in den Rang einer freien Reichsstadt erhoben. Aber eben nur beinahe.

Rund einhundert Jahre später waren die Neusser weitaus weniger heldenmutig und ergaben sich ihren Besatzern im Truchsessischen Krieg (1585/86). Das nahm ihnen der Landesherr ziemlich übel. Nicht nur, dass die Stadt im Kriege selbst fürchterlich zerstört und weitgehend vernichtet wurde, der Kurfürst stationierte nach seinem mit spanischer Hilfe errungenen Sieg Truppen in der untreuen Stadt am Niederrhein. Die drückten schwer auf der Neusser Seele - und den Neusser Geldbeuteln. Kurfürst Ernst installierte seinen Vogt als Aufpasser, der sogar die Ratssitzungen leitete.

In dem Buch „Neuss im Wandel der Zeiten“ schreibt Joseph Lange über die Anweisungen aus Köln: „In den Ratssitzungen sollten die Ratsmitglieder Geduld und Ehrbarkeit an den Tag legen, niemandem ins Wort fallen, keinen verspotten noch verlachen, sondern ,züchtig, vernünftig und wohl bedechtlich alle Punkte überlegen und Bedenken ,ordentlich vorbringen’“. Schade, dass diese Anweisung heute eher in Vergessenheit geraten ist ...

Doch die Neusser waren nie Freunde von fremden Bestimmungen. Unter der Führung des Rädelsführers Peter Loer warfen sie die fremden Soldaten von den Mauern der Stadt und zeigten dem Kurfürsten, wer Herr im Hause ist. Der war grade knapp bei Kasse und konnte keine frischen Truppen rheinabwärts schicken. Sehr zu seinem Leidwesen bestätigte der Kaiser die alten Neusser Rechte.

Schließlich kam es zu einem Kompromiss: Der Vogt blieb und erhielt den Vorrang vor den Bürgermeistern, während die alten Freiheiten der Stadt weitgehend wieder hergestellt wurden.

Inzwischen war das Vogthaus als repräsentativer Amtssitz errichtet. So schrieb denn Gottfried Enter 1926: „Das große Köln hatte damals keinen Profanbau in den Renaissanceformen aufzuweisen, der so geschlossen und monumental auftrat.“ In dem prunkvollen Haus hielten Erzbischof oder Vogt Gericht.

Dorthin brachten die Neusser ihre Steuern und die Strafgelder, die sie zu zahlen hatten. In französischer Zeit ging das Vogthaus in Privateigentum über. Später zog hier die Volksbank mit ihrer Hauptstelle ein. Auch heute noch bringen viele Neusser ihr Geld ins Vogthaus, wenn sie einen zünftigen Abend verbringen. Das würde sich sicher nicht ändern, wenn dort Kölsch anstelle von Alt ausgeschenkt würde. Dem Bürgermeister wär’s vermutlich egal; der trinkt beides.

 

Autor: Carsten Greiwe
Quelle: NGZ

 

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