Chronik vom Neusser Schützenfest

Das Neusser-Bürger-Schützenfest


 

Geschichte und Entstehung des Schützenfestes

Zu Beginn des 19. Jahrhundert, noch in der französischen Zeit, hatten sich Handwerksgesellen und Unverheiratete zu einer Junggesellen-Sodalität zusammengeschlossen.

Am 5. August 1823 baten die Vorsteher dieser Sodalität, der Präfekt I. E. Raths und seine Assistenten B. H. Derath und J. J. Schräm, bei der Behörde um die Genehmigung für 14 Regeln einer Vogelschützengesellschaft.

Der Antrag ging durch; seitdem wird der Vogelschuss in einem neuen, größeren und festlicheren Rahmen begangen.

Auf Betreiben von Johann Josef Schräm bildete sich innerhalb der Sodalität ein Komitee, das 1828 die Veranstaltungen der Vogelschützen leiten sollte. Der Beginn hätte entmutigen können; denn 1829 gab es ein Defizit, und auch 1830 verregnete das Fest.

Dabei war es so vielversprechend durch ein Bildplakat angekündigt worden, das nebenbei der Nachwelt allerlei Auskünfte gibt.

1831 trennte Belgien sich von den Niederlanden, und das Schützenfest fiel wegen der drohenden Kriegsgefahr aus. 1832 war zu befürchten, dass die Cholera auf Neuss übergriff. Die Jahre 1833 bis 1835 festigten das Fundament des Schützenfestes.

Genaue Angaben aus dem Jahre 1835 geben in einer Namensliste über die Gliederung des Schützenzuges Auskunft.

Wichtig ist die Tatsache, dass die Neusser Bürger-Schützen-Gesellschaft, wie sie sich 1836 nannte, keinen Unterschied zwischen den Ständen und den Konfessionen machte, sich also von den Statuten der Junggesellen-Sodalität entfernte. Vom Komitee lässt sich dasselbe sagen wie von vielen Mitgliedern.

Es waren Männer darunter, die damals und in den folgenden Jahrzehnten die Geschicke der Stadt lenkten und das öffentliche Leben mit ihrer Tatkraft erfüllten, gleich auf welchem Gebiet.

Das Regiment bestand aus Pionieren (Sappeuren), Grenadieren, Schützen (Jägern) und Ringstechern (Reitern). Der Obrist H. A. Hesemann ritt an der Spitze mit seinem Adjutanten Metzmacher.

Die Edelknaben wurden neu eingekleidet. Geschmückt mit goldbefransten Schärpen und Kokarden, trugen sie stolz ihre Kreuzdegen. Sie führten drei Fahnen mit. Sie erinnert, lebhaft an die Bürgermeisterjungen der früheren Jahrhunderte.

Auf jeden Fall gehört sie zu den ältesten Formationen des Schützenvereins. Ihre Tracht knüpft bewusst an höfische Kleidung von Pagen der Rokokozeit an und hat deren Merkmale, Kniehose, weiße Strümpfe und Silbertressen beibehalten.

Die Kopfbedeckung, wie sie uns vertraut geworden ist, kann erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts entstanden sein, als der breit ausladende Tschako auf das schmucke Käppi zusammengeschrumpft war.

An Zahl überflügelten die Reiter sowohl die Grenadiere als auch die Jäger.

Die Kleidung der Ringstecher war vorgeschrieben: Hut, schwarzer Leibrock, schwarze Halsbinde, weiße Hosen, gelbe Handschuhe, ein rot-weißes Band im Knopfloch.

Die Pferde hatten weiße Schabracken und rot-weiße Stirnbänder.

Für die Festteilnehmer war ein Platz auf der Wiese vor dem Hessentor abgesteckt, der die Vogelruten und die Zelte aufnahm.

Ein Zelt war 60 Fuß lang, 25 Fuß breit, das andere überdeckte 30 Quadratfuß. In den Zelten durfte nur Wein und Bier, dagegen kein Branntwein ausgeschenkt werden.

Die Junggesellen verfügten über eigene Musikinstrumente, die sie dem Bürger-Schützen-Verein zur Verfügung stellten. Das Glanzstück war ein Schellenbaum mit zwölf Glöckchen.

Nach ihm, den „türkischen Becken" und der „Türkentrommel" (de decke Tromm) benannt, machte die Kapelle vor den Grenadieren eine „Janitscharenmusik".

Die Kapelle der Jäger gab infolge der überwiegenden Waldhörner weichere Töne von sich. Die beiden Musikkorps kamen auf eine Gesamtstärke von 20 Mann. Auch Trommeln und Flöten fehlten nicht, angeführt vom Tambourmajor, den ein quergestellter Zweispitz kenntlich machte.

Sie spielten damals schon das Lied, das der Schweizer Johann Martin Usteri 1793 verfasst hatte: „Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht; pflücket die Rose, eh' sie verblüht!"

Auf Freude und Lebenslust abgestimmt sind auch die Lieder, die in den Jahren der ersten Schützenfeste von Lokalpoeten geschrieben wurden: „Fröhliches Leben, ein Schütze zu sein"; „Des Schützen Lebensmai bricht an"; „Frohe Weise tönt im Kreise"; „Im Kreise lebensfroher Brüder beschließen wir heut dieses Fest".

Vor der Eröffnung des Scheibenschießens sang man: „Heran, ihr Schützen, froh heran, heran zum Königsschuss!" Der Fackelzug gehört zum eisernen Bestand. Wenn er zu Ende war, so bildeten die Schützen auf dem Markte einen Kreis, warfen die Fackeln in die Mitte und sangen, während die Flammen emporschlugen, das feierliche Fackellied:

„Brüder, schlingt ein treulich Band um den hehren Fackelbrand!"

Wer einen Neusser fragt, warum er den Schützenzug mitmache, der erhält heute die gleiche Antwort, die er vor 125 Jahren auch bekommen hätte: „För de Freud!"

Das Wort fasst knapp zusammen, was seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag als gleichbleibendes Motiv zu werten ist.

Neusser Schützenfest unterlegt, bedeutet „För de Freud", das diese Art der Freude aus einer Gemeinschaft gleich gestimmter Seelen erwächst. Freude haben, heißt Freude bereiten.

Die Schützenfreude ist ein mixtum Kompositum, dessen Geschmack durch einige Zutaten bestimmt wird: ein wenig „Kind im Manne", eine Prise männlicher Eitelkeit, ein Quäntchen Übermut, ein Teelöffel Tradition und Bürgerstolz und ein Arzneikraut, dessen Heilkraft auf dem Wörtchen weil und trotzdem beruht.

Zu jedem Volksfest gehört ein tönendes und farbiges Schaubild. Die Neusser Uniformen sind nicht streng historisch in eigentlichem Sinne, aber doch ortsgeschichtlich bestimmt.

Die Kölner Funken können im Februar eine Zopfperücke zur Soldatentracht des Ausgehenden 18. Jahrhunderts tragen. Die Neusser Junggesellen durften 1823 keinem zumuten, dasselbe im August zu tun.

Schon deshalb verzichteten sie darauf, ihre Mitglieder in die Uniform der alten Neusser Bürgerwehr zu stecken, als sie beschlossen, den Schützenzug zünftig einzukleiden. Sie waren allerdings auch keine Nachfolger der Stadtmiliz.

1814 veranlassten die Preußen die Aufstellung einer neuen Sicherheitstruppe, die nach dem Vorbild der alten Wehrordnung organisiert war. Da die Bürger nicht alle ein Gewehr besaßen, wurden sie mit Lanzen ausgerüstet.

Damit lernten sie den Präsentiergriff. Die Offiziere, die aus ihren Reihen stammten, mussten Uniformen und Degen anschaffen und sich in der Montur auch außerhalb ihres Dienstes auf den Straßen zeigen.

Die Bürgergarde, verschiedentlich umgebildet, bestand bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Selbstverständlich ergab sich zwischen dem Wachdienst und dem Schützenzug für einige Chargierte eine Personalunion, aber die Offiziere der Neusser Schützen durften ihre Grenadierröcke nicht nach preußischem Muster zuschneiden lassen.

Der Zweispitz war eine geeignete Kopfbedeckung, den Unterschied deutlicher zu machen. Man setzte ihn zunächst quer oder schräg und endlich längs gerichtet auf.

Da Napoleon ihn bevorzugte, wurde er unter dem Namen „Bonapart" populär.

Der Ausdruck blieb erhalten, trotzdem der mit einem Federbusch geschmückte Zweispitz, wie er bei den Neusser Grenadieren eingeführt wurde, seine Form ziemlich veränderte.

Den einheitlichen Grundton für den Schützenzug lieferte das leuchtende Weiß der langen, mit Stegen versehenen Hose, die seit 1815 Bestandteil des militärischen Paradeanzuges geworden war.

Die Neusser Grenadiere ersetzten den hohen Tschako, der ebenfalls kein Alleinbesitz irgendeiner Militärmacht war, durch den bürgerlichen Zylinder und vertauschten den Militärfrack mit dem gleich geschnittenen und gleichnamigen Kleidungsstück, das in der Biedermeierzeit eine Hauptrolle spielte.

Die militärische Weste und die Brustrabatten ließen sich durch eine weiße Zivilweste mit weißem Kragen leicht vortäuschen.

Ein grünes Kränzchen um den Hut und ein Blumensträußchen im Gewehrlauf gaben dem Kirmesgrenadier eine noch friedlichere Note. Die Grenadieroffiziere zeigten blaue Waffenröcke mit breiten roten Rabatten.

Erst in neuerer Zeit erhielten die Röcke eine kürzere Form und wurden bis zum Kragen durchgeknöpft, bewahrten aber die Epauletten und das Rot der Kragen und der Ärmelpatten.

Für die Jäger gab es kein ausgesprochen militärisches Vorbild. Im Heerwesen wurden sie als Plänkler verwendet, als bewegliche Einzelkämpfer. Daher zogen sie eine leichte Büchse mit kurzem Kolben vor.

Die heutigen Kirmesjäger sind damit sehr zufrieden, da sie mit ihrem imitierten Schießgewehr weniger Last beim Griffekloppen haben. Sie stecken keine Blumen in die Mündung, sondern begnügen sich mit einem grünen Sträußchen.

Zur Büchse gehörte ein Pulverhörnchen am schwarzen Schulterriemen. Aber davon ist seit dem letzten Kriege nicht viel übrig geblieben, ebenfalls nicht von den Hirschfängern. Man sieht beide Stücke nur noch vereinzelt. Die langen grünen Schoßröcke der Jäger wurden verkürzt und haben die Maße eines normalen Uniformrocks angenommen. Die Knöpfe sind gelb, Kragen und Patten dunkel.

Ein völlig unmilitärisches Abzeichen ist das Büffelhorn. Bis nach der letzten Jahrhundertwende war es mit einem Labetrunk gefüllt. Der „Hönes" am linken Flügel musste es tragen. Statt des Pulverhörnchens führte er an grünweißer Kordel einen kleinen Henkelbecher mit.

Heute ist die Öffnung des Horns nicht mehr mit einem Deckel verschlossen, worauf ein Adler thronte. Stattdessen quillt ein üppiger Blumenschmuck hervor, wozu der scheidende Sommer seine schönsten Gaben spendet.

Seitdem der Hönes Bernhard Koch Schützenkönig von 1950 war, gehört der Aufzug der Blumenhörner zu den prachtvollsten Bildern, welche die Königsparade bietet.

Zur Jägertracht gehört der grüne Hut mit Feder und Troddel, der keiner Soldatenuniform entlehnt ist, sondern an die Freikorps der Österreicher erinnert. Der Präfekt Ladoucette, der einem Neusser Schützenfeste m der Franzosenzeit beiwohnte, erwähnte, dass die Schützen große Hüte mit bunten Federn getragen hätten.

Seit dem Kampf um die Rheinlinie gegen die französische Revolutionsarmee waren die Freischützen Österreichs den Neussern von Ansehen bekannt und, das darf man nicht übersehen, der letzte Kurfürst von Köln galt in der romantischen Erinnerung der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als Symbol einer friedlichen Vergangenheit.

Es war kein geringerer als der kaiserliche Prinz am Rhein, Max Franz, der jüngste Sohn der deutschen Kaiserin Maria Theresia.

Auch die Scheibenschützen-Gesellschaft von 1415 entschied sich für die kleidsame Jägertracht der Freischützen, nur in einer legeren, zivileren Form. Die 1850 entstandene Schützengilde trug zur grünen Tracht den nach dem badischen Revolutionär benannten, mit Federn gezierten „Heckerhut".

Ein Prunkstuck, das Aufsehen erregte, waren seit etwa 1835 die Pioniere oder Sappeure.

Auf ihre Tätigkeit konnte kein Heer verzichten, obwohl sie keine Krieger waren. Das Wort Sappeur ist abgeleitet von Sappe = Laufgraben.

Sie verrichteten alle oberirdischen Pionierarbeiten, mussten Palisaden errichten und die Marschstraßen von Hindernissen befreien. Andere Arten von Pionieren waren die Mineure, die Sprengkörper anbrachten, und die Pontoniere, die Brücken bauten.

Das Handwerkszeug der Sappeure war die lange, schwere Holzfälleraxt. Um den Weg freizumachen, marschierten sie an der Spitze einer Kolonne. Das Schurzfell auf weißem Leder schützte die Uniform.

In einigen europäischen Heeren trugen sie die wuchtige Bärenfellmütze und durften einen Vollbart wachsen lassen.

Wer von den Neusser Sappeuren keinen natürlichen besaß, klebte einen künstlichen an.

Das war beim Militärdienst natürlich nicht möglich. Später kam die haarige Manneszier aus der schützenfestichen Mode. Da die Sappeure mit den Gardisten Napoleons eine gewisse Ähnlichkeit aufwiesen, könnte man sie aus diesem Grunde beim Schützenfest zum Dienst einer Ehrengarde herangezogen haben.

Tatsache ist, dass sie sehr repräsentieren, wenn sie auf Posten stehen. Aber den stärksten Eindruck machen sie doch, wenn sie als erstes Korps ins Blickfeld der Zuschauer treten. Sie werden begleitet von den Kürassieren auf wuchtigen Gäulen, die den gleichfalls berittenen Träger der Festfahne flankieren.

Die französischen Kürassiere trugen seit der napoleonischen Zeit einen nach antikem Muster geformten Kammhelm mit Stutz und Rossschweif, der mit einer schwarzen Bräme umwunden war, die Neusser Kürassiere hatten jedoch einen unverkennbaren Raupenhelm.

Außerdem war der Waffenrock der französischen Kürassiere immer blau, während die Neusser Panzerreiter ganz in Weiß gekleidet waren.

Zwar vertauschten die Neusser Kürassiere später den Raupenhelm mit einem Rossschweifhelm, jedoch hatte dieser, wie wir ihn bis 1939 kannten, keine schwarze Umrandung, die dem französischen Muster entsprochen hätte.

Kürasse und Helme gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Als sie neu angeschafft wurden, lieferte die Firma die Helme mit schwarzer Bräme. Raupenhelme, weiße Röcke und weiße Hosen hatten in den Gründungsjahren des Bürger-Schützen-Vereins die österreichischen Kürassiere.

Man könnte sie genau als Vorbild der Neusser Vorreiter ansehen wie die Franzosen. Das gilt noch mehr für die beiden Husaren, die früher als Meldereiter den Oberst begleiteten. Es liegt aber noch näher, ihre prächtige Ausstattung auf das kurkölnische Husarenkorps zurückzuführen, das gegen Ende des 18. Jahrhunderts rote Hosen und roten Dolman mit blauem Pelz, dazu eine hohe Pelzmütze mit weißem Reiherstutz trug.

Die Husaren der letzten Kurfürsten paradierten und ritten Stafetten, waren aber vor allem im Sicherheitsdienst als Landgendarmen eingesetzt und ergänzten damit die Tätigkeit der Stadtwacht.

Die meisten Kriegsvölker Europas sind in Neuss gewesen.

Ob sie friedlich oder feindlich gesinnt waren, das Schützenfest der Bürger haben sie meistens geduldet.

Die Hauptsache für den Neusser unserer Tage war die Tatsache, dass auch nach den beiden Weltkriegen die Uniformen von den Besatzungen als ungefährlich angesehen wurden, von den Belgiern, den Franzosen und den Engländern.

Als international konnten sie das Käppi ansehen.

Der allgemein bekannte Tschako war seit 1815 zusammengeschrumpft, hatte seinen breiten Deckel verloren und sich nach oben verjüngt. Das Käppi trat sein Erbe an und gewann im Militärwesen gleichfalls eine dominierende Stellung.

Die Neusser Grenadiere, Jäger und Sappeure nahmen die verwegene Schirmkappe willig an und setzten sie zum „kleinen Anzug" auf. Bei den Edelknaben bürgerte sie sich als Teil der Festtracht ein.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als das Käppi seine bleibende Form erreicht hatte, entstand in Neuss das Korps der Artillerie.

Während die Grenadiere, Jäger und Sappeure dunkelblaue, grüne und hellblaue Käppis aussuchten, wählten die Artilleristen natürlich ihre Farbe und bestimmten das schwarze Lacklederkäppi mit einer lustig nickenden „Plümm" zu ihrem Erkennungszeichen.

Die Geburt des Artilleriekorps war von allerlei Wehen begleitet. Sie begann 1851 und war drei Jahre später so weit gediehen, dass die Artillerie ein selbstständiges Fest mit großem Erfolg aufziehen konnte.

Schließlich durfte sie als Korps in das Regiment einrücken und erschien auf dem Markt mit vier Kanonen, die von einer Fußmannschaft und einer berittenen Abteilung begleitet wurden.

Ihr Kommandeur führte, wie dies auch bei den Reitern war, den Titel Chef.

Die Artilleristen zu Pferd suchten dunkelblaue Röcke aus, die Fußtruppe begnügte sich mit dem schwarzen Gehrock. Die schwarze Hose war Gemeingut. Das Regiment hatte 1823 einhundert Aktive und im folgenden Jahre bereits zweihundertfünfzig.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts traten neue Korps in Erscheinung. Aber die Gesellschaft „Freischütz", die Hahnenkämpfer und die Zuaven fanden keinen Zutritt zum Bürgerschützenverein.

Die Schützengilde, die das sportliche Schießen pflegte, gewann als selbstständiges Korps ebenfalls keinen Anschluss, aber seine Mitglieder errangen auf dem Scheibenstand beachtliche Erfolge.

1926 übernahm eine neue Gesellschaft ihren Namen, die durch ihr schmuckes Auftreten sogleich die Herzen ihrer Mitbürger gewann. Die Gilde wurde ermutigt durch den Erfolg, den die Hubertusschützen und die Schützenlust erzielt hatten.
Diese beiden Korps waren vor der Jahrhundertwende entstanden und zugelassen worden. Es gehörte sehr viel Wagemut dazu, sie 1950 wiederzubeleben.

Mittlerweile sind sie erfreulich herangewachsen.

Was für die Scheibenschützen der Jakobustag bedeutet, ist für die Hubertusschützen das Fest ihres Patrons. Sie ermitteln dann ihren eigenen König.

Die Art, wie das große Heimat- und Volksfest der Neusser organisiert wurde und wird, ist an und für sich kein Geheimnis. Aber es ist kaum möglich, seine Form und seinen Inhalt genau nachzuahmen.

Die Voraussetzung für das Gedeihen eines Heimatfestes, wie es der Neusser Bürgerschützenverein gestaltet und überliefert hat, ist eine gesunde Toleranz, die nicht nach Konfession oder politischer Partei, nicht nach Alter oder Beruf fragt, auch nicht danach, ob ein Mitglied in Neuss geboren oder ob und woher es zugezogen ist. Die Verantwortung für den einzelnen Mann fängt schon innerhalb eines Zuges an.

Diese „Züge", nicht zu verwechseln mit dem gesamten Schützenzug, dem sogenannten Regiment sind die Mosaiksteinchen, woraus die ältesten und größten Korps der Grenadiere und der Jäger immer bestanden haben. Auch die Schützenlust, die Hubertusschützen und die Schützengilde kennen die Einteilung nach Zügen.

Ein solcher Zug erfasst einen Freundeskreis von zehn bis zwanzig Mann, der sich aus einem Verein oder aus einem Betrieb herausgeschält hat. Die Berufe der Zugmitglieder sind mehr oder weniger stark gemischt.

Jeder Zug führt im Jahresablauf und sogar beim Schützenfest sein Eigenleben, hat seine Statuten und wählt seine Chargierten; das sind Oberleutnant, Flügelleutnant und Feldwebel.

Das Sparsystem schafft dem kommenden Fest eine gesunde Grundlage. Die Mitglieder zahlen regelmäßig das Jahr hindurch ihre Beträge auf das gemeinsame Sparbuch ihres Zuges ein.

Beim Jubiläum 1898, als der Bürgerschützenverein 75 Jahre bestand, gab es 24 Züge der Grenadiere und 11 der Jäger. 1913 zählte das Regiment 770 aktive Schützen. 1927 marschierten 72 Grenadier- und 11 Jägerzüge.

Für 1934 lauten die Zahlen 71 und 19, für 1935 bereits 74 und 26, für 1936 74 und 36.

Zwar traten die Schützen 1939 zum Fackelzug und zur Parade an, aber am Montag mussten sie einen Schlussstrich unter ihre Freude ziehen. Mehrere kleine Hefte des Komitees erinnerten die zu Kriegsdiensten eingezogenen Neusser nochmals an ihr Heimatfest.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges konnte niemand glauben, die Schützenherrlichkeit würde jemals erneuert werden. Es war ein mehr als kühner Versuch, den englischen Stadtkommandanten von dem friedfertigen Charakter des Neusser Schützenfestes zu überzeugen.

Aber er duldete probeweise den Fackelzug und einen kleinen Aufmarsch von Chargierten, soweit diese ihre Uniform gerettet hatten.

Im folgenden Jahre konnte der Rahmen etwas weiter gespannt und in alter Form wiederhergestellt werden, 1950 konnte Neuss zwei Jubiläen feiern, beide eindrucksvoll vereint.

Das eine Gedenken galt dem Höhepunkt der Stadtgeschichte vor 475 Jahren, als die Neusser das Rheinland retteten, das zweite dem Stadtpatron, dessen Reliquien vor 900 Jahren überführt worden waren.

Beide Erinnerungen vermochten die Heimatliebe der Bürgerschaft zu entfachen.

Die alten Mitglieder hatten in elf furchtbaren Jahren nicht den Lebensmut verloren, und die Jugend bewies eine mitreißende Begeisterung. Die Regimentsstärke überschritt 1950 das zweite Tausend.

Das Grenadierkorps bestand aus 56, das Jägerkorps aus 42 Zügen. 1956 hatten die Jäger mit 76 Zügen die Grenadiere mit 62 Zügen überflügelt. Hinzu kamen 10 Züge der Schützenlust und 11 der Hubertusschützen.

Den vorläufigen Abschluss der zahlenmäßigen Stärke möge das Jahr 1962 bilden, in dem die Grenadiere mit 43, die Jäger mit 67, die Schützenlust mit 11, die Hubertusschützen mit 9 Zügen, die Schützengilde mit 48 Mann, die Scheibenschützen mit 103, die Artillerie mit 32 und die Reiter mit 18 Aktiven das Regiment bildeten, wozu natürlich auch die Kürassiere, die Sappeure, die Edelknaben und das Komitee als Seele des Ganzen gehörten.

Der Neusser Bürgerschützenverein konstituiert sich in jedem Jahre aufs Neue. Nur das Komitee bleibt als Kern übrig. Im kurkölnischen Neuss war das Schießen auf den Königsvogel stets an die Pfingstzeit gebunden.

Bis 1585 fand es am Sonntag vor Pfingsten, von 1609 bis 1793 am Dienstag nach dem Pfingstfeste statt. Urheber und Veranstalter dieses festlichen Schützenspiels, dessen Schauplatz vor den Toren lag, waren und blieben die jungen Gesellen der Sebastianusbruderschaft von 1415. Der Magistrat und die ganze Bürgerschaft feierten fröhlich mit.

1823 bestimmten die jungen Gesellen als neuen Stichtag den 24. August, an dem der Bartholomäusjahrmarkt von altersher abgehalten wurde. Mit Rücksicht auf den Zustrom auswärtiger Besucher wurde 1829 beschlossen, das Schützenfest auf den Sonntag nach Bartholomäus und den Jahrmarkt auf den folgenden Montag festzulegen.

Wenn der 24. August auf einen Sonntag fiele, so sollte an diesem das Schützenfest seinen Glanz entfalten. Seitdem sind Kirmes und Schützenfest im Neusser Sprachgebrauch zu einem Begriff verschmolzen.

Zum Samstag, der sechs Wochen vor dem Termin des Schützenfestes liegt, ladet das Komitee nach altem Brauch die Neusser Bürger und Bürgerssöhne ein, um an die Versammelten die Frage zu richten, ob sie gewillt seien, das Schützenfest zu feiern.

Seit Menschengedenken ist es keinem Komiteemitglied gelungen, seine Rede, mochte sie noch so geschickt den entscheidenden Schluss ansteuern, mit der vollständigen Frage zu beenden. Kaum hat der Redner den Satz begonnen:

„Sollen wir auch in diesem Jahre...", dann wird er von dem begeisterten Zuruf übertönt: „Zog! Zog!!!"

Auf diese überwältigende Akklamation hin wird das Plakat ausgehängt, das verkündet, wie die „Tage der Wonne" verlaufen sollen. Erst bei der zweiten Versammlung kann das Komitee genau feststellen, wie das Regiment sich zusammensetzt und wie viele Aktive eine Mitgliedskarte erwerben wollen.

Zwar wird damit eine bestimmte Geldsumme garantiert, aber sie würde nicht hinreichen, die hohen Kosten zu decken, wenn nicht aus den Reihen der Passiven weitere Mittel hinzukämen, die z. T. den Wert einer einfachen Mitgliedskarte durch freiwillige Spenden weit übersteigen.

Wie es in Neuss immer üblich war, solange Schützenfeste gefeiert wurden, versagt die Stadtverwaltung nicht ihre finanzielle Hilfe. Und dann melden die Korps ihre selbst gewählten Majore und deren Adjutanten. Die Zugführer losen die Reihenfolge ihrer Züge aus.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Schützenzug keiner Ordner bedarf.

Jedes Korpsmitglied, das einem Zuge angehört, kennt dessen Nummer und weiß, wo es sich einzuordnen hat.

Diese Disziplin, die jeder Aktive als selbstverständlich betrachtet, muss sich zum ersten Male bewähren, wenn der Oberst an seinem Ehrenabend bestätigt wird und immer stürmischer der Ruf erschallt: „Obesch no Huß!"

Das Regiment tritt an und gibt dem Kommandeur durch die Straßen der Stadt das Geleit. Hierbei zeigen die Mitglieder Zivil, nur die Käppis kommen zur Geltung. Die Chargierten tragen Pechfackeln.

Der Fackelzug wiederholt sich, wenn der Schützenkönig am nächsten Samstagabend seine Getreuen besucht und nach froh bewegter Versammlung auf den Zuruf „Köneg no Huß" zu seiner illuminierten Residenz gebracht wird.

Der vorletzte Samstag vor dem Schützenfest ist dienstfrei.

Am Kirmessamstag, wenn die Uhr des Münsters die Mittagsstunde anzeigt und auf der Turmspitze die Fahne gehisst wird, bollern vor dem Hessentor die städtischen Kanonen, und bald prangt die Stadt im Fahnenschmuck.

Am Nachmittag, wenn schon Scharen von Besuchern die Straßen füllen, treten alle Tambourkorps auf dem Marktplatze an und ziehen Punkt 17 Uhr unter den Klängen des Liedes „Freut euch des Lebens" los, wobei sie sich so verteilen, dass man in vielen Straßen die vertraute Melodie hören kann.

Je tiefer die Sonne sinkt, desto dichter werden die Menschenmauern auf den Bürgersteigen. Um 20 Uhr sammelt sich das Regiment zum großen Fackelzuge.

Dieser Fackelzug ist mehr und mehr zu einem sehenswerten Ereignis des Neusser Festes geworden, zu einer glänzenden Schau, die in ihrer Art übernommen, noch weniger übertroffen werden kann.

Zwar gehörte ein Fackelzug schon im vorigen Jahrhundert zum eisernen Bestand des Schützenfestes, jedoch seine Eigenart, die kurz vor der Jahrhundertwende geprägt wurde, besteht darin, dass die Neusser Schützen begannen, große Fackeln zu bauen. 1903 gab es deren Zehn.

Die Idee muss originell sein, darf nicht beleidigen und keiner Reklame dienen.

Die Großfackeln aus Holz, Papier und Draht sind Werke echter Volkskunst und erfordern viele Arbeitsstunden, handwerkliches Geschick und erfinderischen Geist.

Zu den manchmal erheblichen Materialkosten gewährt der Neusser Bürger-Schützen-Verein einen Zuschuss. Humorvolle Szenen glossieren irgendwelche Erlebnisse, und auch das öffentliche Leben der Vaterstadt bietet immer wieder Stoff.

Seitdem eine elektrische Beleuchtung möglich wurde, nahmen die Dimensionen zu, sodass der Untergrund auf ein Fahrgestell montiert werden musste. Eine Neusser Kirmesfackel, mehrere Meter lang, breit und hoch, sollen bewegliche Figuren aufweisen, die gut erkennbar und hell erleuchtet sind. Aufgetragene Farbe darf die Transparenz des Papiers nicht zu sehr verringern.

Aufschriften erläutern das dargestellte Motiv, jedoch soll der Text möglichst knapp und deutlich sein.

1956 konnten die Zuschauer 36 Großfackeln bewundern, 1957 waren es 47. 1963 bauten die Grenadierzüge 17, die Jägerzüge 21, die Schützenlust 3 Fackeln, und die Gilde fügte noch eine hinzu. Auch die kleinen Fackeln, welche, zugweise verschieden, von den Mitgliedern getragen werden, sind häufig selbst gebastelt.

Der Kirmessonntag bringt mit der Parade vor dem Schützenkönig den Höhepunkt. In der Frühe wecken die Trommeln und die Flöten; denn die Aktiven müssen früh aus den Federn. Nach dem gemeinsamen Frühstück innerhalb eines jeden Zuges holen die Korps ihre Majore ab, und dann beginnt zur festgesetzten Zeit der große Anmarsch zum Markt, der Stunden vorher von erwartungsfreudigen Zuschauern eingerahmt worden ist.

Für jeden Aktiven ist das Einschwenken vom engen Büchel in die Arena des Platzes ein feierlicher Augenblick, beinahe noch eindrucksvoller als die Parade. Wenn die Neusser Kirmessonne den Morgendunst durchbricht, erfüllt ein Hochgefühl die heimatstolzen Herzen.

Natürlich gehört der Zauber einer guten Musik dazu. Schon längst genügen die in Neuss ansässigen Musikkorps zahlenmäßig nicht mehr, den Marschschritt zu beflügeln, und auch die Tambourkorps aus der eigenen Stadt, so schneidig sie sind, reichen nicht aus.

Was die Marschmusik anbetrifft, sind die Neusser sehr verschnöppt und anspruchsvoll. Einige Militärmärsche sind zum festen Bestand des Schützenfestes und seiner Königsparade geworden.

So ist der Erzherzog-Albrecht-Marsch bei den Grenadieren ebenso Tradition wie der Pepita-Marsch bei den Jägern, und die Reiter möchten ihr „Tochter Zion" nach der Weise von Händel nicht mehr missen.

Wenn der Oberst die Aufstellung der Korps inspiziert hat, schreitet der Schützenkönig, von Komitee und Ehrengästen begleitet, die präsentierende Front ab. Die entstehende Pause wird dadurch ausgefüllt, dass alle „Hönese", d. h. die Träger der köstlichen Blumenhörner, mit Musik den Markt hinauf und wieder hinab marschieren, ein Schauspiel, das niemand mehr missen möchte.

Beim Vorbeimarsch schwenken die Musikkapellen ein. 1962 hatten die Grenadiere 4 Musikzüge und 4 Tambourkorps, dazu ein Fanfarenkorps, die Jäger 5 Musikzüge und 5 Tambourkorps; vor der Schützenlust spielten eine Kapelle und ein Tambourkorps, vor den Hubertusschützen eine Kapelle, ein Tambourkorps und ein Fanfarenkorps, vor den Scheibenschützen eine Kapelle, ein Tambourkorps und ein Fanfarenzug, vor der Artillerie eine Musikkapelle und ein Fanfarenzug; je ein Musikkorps führte die Gilde und die Reiter an.

Die Mittagspause nach der Parade ist kurz; denn am frühen Nachmittag ziehen die Korps wieder zum Markt und von dort gemeinsam zum großen Festzelt auf der Wiese.

Da das Regiment am Sonntagabend nochmals marschiert, außerdem am Montag und Dienstag sowohl nachmittags als auch abends, dürfen die Aktiven mit Recht von einer strapaziösen Freude oder einer freudvollen Strapaze sprechen.

Am Dienstagnachmittag ist der Zustrom von einheimischen und fremden Zuschauern zur Festwiese besonders stark. Kopf an Kopf wartet die Volksmenge darauf, dass ein Aktiver oder Passiver des Bürgerschützenvereins das letzte Stück des Königsvogels mit der schwarzen Eisenplatte herunterschießt. Dann donnern die Kanonen, und die Neusser bringen bei der Proklamation dem neuen Schützenkönig die erste Huldigung dar.

Die Edelknaben haben vorher ihren kleinen Vogelkönig ermittelt, die Artilleristen und die Reiter ihre Sieger. Der abendliche Marsch durch die Stadt gestaltet sich zu einem Triumphzug ohnegleichen, der oftmals anhält, wenn ein Ehrentrunk kredenzt wird. Während die Musik in eine Tanzweise übergeht, löst sich die Ordnung vorübergehend auf, ist aber bald wiederhergestellt.

Noch einmal umbraust ein freudiger Jubel den König und den Reitersieger, wenn am folgenden Samstagabend die vielen Chargierten des Regiments mit den Hofdamen ihr Gefolge auf dem Wege zum Krönungsball bilden.

Dort wird den beiden, die mit ihren Gemahlinnen die Throne der höchsten bürgerlichen Würde besteigen, nach altem Zeremoniell die schuldige Ehre erwiesen.

Zwar kennt der Bürgerschützenverein bei seinem Heimatfeste nur einen Schützenkönig, einen Edelknabenkönig, einen Reiter- und einen Artilleriesieger, aber der Jahresablauf fügt den Jakobuskönig der Scheibenschützen und den Hubertuskönig der St.-Hubertus-Schützen-Gesellschaft von 1899 hinzu, außerdem die Könige innerhalb der vielen Einzelzüge.

Um das Gesamtbild vom Leben und Treiben der Neusser Schützen abrunden, muss erwähnt werden, dass die Korps und die kleinen Gesellschaften der Züge ihre Einheit beibehalten und die Geselligkeit pflegen, dabei auch im Brauchtum anderer Feste eine Rolle spielen, sei es im Festelovend oder in der Martins- und Nikolauszeit.

 

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