Von Neusser Art

Sein Charakter

Heute noch reden Quirinusdom, Zeughaus, Zunfthaus und manch andere steinerne Zeugen von der Zeit, als im starkbewehrten Neuss Handwerk und Handel ein so reiches und vielfältiges Gedeihen hatten wie sonst nur in wenigen Städten des deutschen Vaterlandes, Zweifellos haben Handwerk und Handel in stärkstem Maße den Charakter der Bevölkerung beeinflusst bis in unsere Zeit.

An dieser Gewissheit vermag auch der Umstand nichts zu ändern, dass im Laufe der Jahrhunderte die Neusser Bevölkerung sich ständig ergänzt hat durch Landleute aus der näheren Umgebung und Zugewanderte aus der Fremde. Denn all diese Fremden sind aufgesogen "worden von den bodenständigen Stamm der Bevölkerung. Sie haben sich nicht nur in ihrer Lebenshaltung, sondern auch in ihrer Lebensauffassung und ihrem Charakter der Neusser Art angepasst.

 

Das war wenigstens bis um die Wende des 20. Jahrhunderts der Fall.

Dann ging der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt und zugleich damit der Zustrom Ortsfremder so schnell vor sich, dass der frühere Charakter der Stadt neue Züge anzunehmen begann. Gerade heute steht die Stadt unter dem Einfluss dieser Bevölkerungsbewegung, die jedoch nicht stark genug ist, die alte echte Neusser Art zu verwischen oder gar beiseite zu drängen.

So ist zwar heute die Neusser Art nicht immer und überall klar zu erkennen, aber überall da, wo noch „Nüsser Platt" gesprochen wird, und besonders bei großen Volksfesten, die ja gottlob! in Neuss noch immer nicht so selten sind, da tritt sie klar hervor und gibt den Tausenden aus nah und fern einen mächtigen Eindruck von der Deftigkeit und Biederkeit, von der Schlichtheit und Werktüchtigkeit, aber auch von dem lebensbejahenden und treffsicheren rheinischen Humor der Neußer Bevölkerung.

Er ist eben ein „Nüsser", der im Bewusstsein der alten, stolzen Vergangenheit seiner Vaterstadt etwas überlegen und unmutig die Nase rümpft über den modernen Düsseldorfer Wind ,,von de angere Sitt" (des Rheines), für den die Krefelder und Gladbacher im Wettstreit der Städte weniger in Frage kommen und dessen Herz mehr am ,,alde on hellige Kölle" hängt, weil Geschichte und Dialekt hundertjährige Wesensverwandtschaft mit dies Stadt geknüpft haben. Der Volksschlag ist eher mager und sehnig als wohlbeleibt. Trotzdem ist das ganze Lebenstempo behäbig und bedachtsam. Die Hetze der Großstadt hat noch keinen Einfluss gewonnen auf die Stadt und ihre Bewohner.

Man ist fleißig ohne überstürzte Hast; man geht seinen ruhigen und sicheren Schritt fürbass, der beim Sonntagsspaziergang noch behäbiger und bedächtiger wird; man trifft seine Entschlüsse nicht ohne reichliche Überlegung; und selbst bei fröhlicher Geselligkeit mag man nicht eine Gediegenheit und ein inneres Behagen missen, das von Aufgeblasenheit und erzwungenem Humor ebenso wenig kennt wie von geistloser Ausgelassenheit und philiströser Engherzigkeit. Das kommt daher, dass der richtige „alde Nüsser" in erster Linie eine Persönlichkeit, ein Charakter im besten Sinne ist, dessen geistige Selbständigkeit nicht gewillt ist, sich aufzugeben oder zu verflachen.

 

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Seine Rheinische Art

 

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