Zeitzeugeninterview Herr Bühner

Zeitzeugeninterview mit Herr Bühner

Am 05.02.2009 trafen wir uns zu einem Zeitzeugengespräch in Reuschenberg.

Der Kontakt zu unserem Interviewpartner, Herr Bühner, wurde durch eine "Flyeraktion" aufgebaut. Um geeignete Zeitzeugen anzusprechen und auf uns aufmerksam zu machen, trafen wir uns eine Woche vor dem Zeitzeugeninterview und verteilten in einem der ältesten Viertel Reuschenbergs Flugblätter, die auf unsere Arbeit für den Geschichtswettbewerb und unsere Suche nach geeigneten Zeitzeugen hinwiesen.

Nach kurzer Zeit meldete sich Herr Bühner, der seit seiner Geburt in Reuschenberg wohnt und somit Kenntnis über Ereignisse in Reuschenberg, die über viele Jahre verteilt liegen, besitzt, bei uns. Neben den Informationen, die bereits offenkundig sind, sind es gerade die Zeitzeugen mit langem Wohnsitz an den historischen Orten, die neben den bekannten Fakten auch Anekdoten erzählen können.

So wurden wir am 05. Februar von Herrn Bühner freundlich empfangen.

Zu Beginn berichtete er von den Anfängen Reuschenbergs. Es sei eine Mustersiedlung gewesen, die von Nationalsozialisten auf noch fast völlig unbesiedeltem Land errichtet wurde. Dies war 1932. Die erste Siedlung Reuschenbergs mit dem Namen "Schlagbaumsiedlung" sollte Arbeitslosen aus den umherliegenden Siedlungen und der Stadt Neuss als Möglichkeit dienen, ihre Familien finanziell abzusichern und zu schützen.

Das heutige Bild von Reuschenberg, das viele Häuser mit Anbau und Neusiedlungen prägt, könne man nicht mit dem Reuschenberg von 1932 und den folgenden Jahren vergleichen. Wie der Name "Mustersiedlung" bereits verrät, waren alle Häuser identisch und nach den Vorstellungen der Nationalsozialisten angefertigt.

Zu der Zeit war Reuschenberg eine Stadt im Umbruch und der Entwicklung, so waren die Reuschenberger alle Selbstversorger, dennoch sei der Kontakt zu umliegenden Ortschaften notwendig gewesen, denn zum Beispiel bis zu der Errichtung der örtlichen Grundschule, mussten die Jungen und Mädchen umliegende Neusser Schulen, deren Entfernung einen längeren Weg beanspruchten, besuchen.

Für unsere Arbeit ist es von Bedeutung, die Propagandamittel der Nationalsozialisten zu dieser Zeit zu betrachten. So berichtete uns Herr Bühner, dass ihm besonders das Sportangebot in seiner Jugend in Erinnerung blieb. Es sei neben der Schule gerade der Sport gewesen, der ein Magnet für Jugendliche war und das Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl gestärkt hat. Diese Sportaktivitäten wurden von Leitern der Hitlerjugend veranstaltet und beobachtet.

Durch diese Art von Propaganda versuchten die Nationalsozialisten junge Männer sportlich fit zu halten, um sie so für den Krieg zu rüsten. Für die Jugendlichen hingegen stand der Faktor "Spaß" im Zentrum, der sie täglich zu Sportveranstaltungen und Spielen trieb.

Neben sportlichen Veranstaltungen, wurden unter dem Namen der Nationalsozialisten zahlreiche Feste gefeiert. So zum Beispiel das Erntedankfest.

Weiter berichtete Herr Bühner von der Kriegssituation in Reuschenberg. Er erinnert sich daran, dass er als Jugendlicher eigenhändig Bomben entschärft habe.

Er berichtete uns, dass abseits des Kriegsgedanken und der damaligen Situation die Schule auch zu Zeiten der Krise an Wichtigkeit behielt. So konnte er sich noch gut daran erinnern, dass er bei einem Flieger- oder Bombenalarm im Keller seines Hauses saß, der zu weit vom lokalen Bunker entfernt war, und trotz Gefahr und Angst seine Hausaufgaben machte.

Laut Bühner sei Reuschenberg jedoch weder vor noch während des Krieges eine Heimat für Nationalsozialisten gewesen. Die Bewohner Reuschenbergs haben nie die Ideologie Hitlers verinnerlicht und aus freien Stücken ausgelebt. Es habe zwar Mitglieder "der Partei" gegeben. Doch die Großzahl dieser Mitgliedschaften seien aus Notsituationen heraus getätigt worden.

Das heißt, dass die Nationalsozialisten die Macht und Befugnis über die Siedlung Reuschenberg inne hatten und somit über die Wohnsituation entscheiden konnten, sodass eine Provokation der Partei zu einem eventuellen Rauswurf aus einer der Musterwohnungen hätte führen können.

In Anlehnung an unser Thema interessierte uns die Geschichte der Straßennamen und den Grund für die neue Namensgebung, Straßen, die durch Blumen benannt wurden, ein völliger Kontrast zu den Namen der SS-Offiziere.

Bühner sagte hier, dass die Erinnerung an die Namen und ihre Hintergründe eher schwach seien. Für die damaligen Bewohner Reuschenbergs seien die Namen einfache Straßennamen gewesen, ohne Hintergrundwissen zu der Geschichte der Namensgebung. Auch die Nationalsozialisten propagierten diese Straßennamen nicht sonderlich, sprich, es wurden keine Einweihungsfeste gefeiert.

Zu der heutigen Benennung der Straßen konnte Bühner sagen, dass sie wohl eher ein Ergebnis einer hektischen Zeit gewesen seien, sprich das Resultat einer Zeit, in der Reuschenberg und ganz Deutschland im Wiederaufbauprozess waren und eine Namensgebung von Straßen an Wichtigkeit verlor.

In dieser Nachkriegszeit litt Reuschenberg unter einer großen Hungersnot, die die Familien vor Ort plagten, dies war um 1948.

Reuschenberg hat sich aus heutiger Sicht vollkommen vom Krieg erholt und die einstige Musteransicht der sogenannten "Schlagbaumsieldung" ist heute ein Gemisch aus Neubausiedlungen und alten, renovierten Häusern.

Abschließend kann man sagen, dass Reuschenberg als einstige Propagandasiedlung eine bewegte Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus' durchmachte, die uns Herr Bühner in seinem Zeitzeugengespräch anschaulich dargelegt hat. Die Benennung der Straßen Reuschenbergs ist ein signifikantes Beispiel für die Propaganda im Dritten Reich

 

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Grundschule Reuchenberg

 

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