Interviews von Zeitzeugen

Die Interviews von Zeitzeugen

Wir haben bei unseren Recherchen im Neusser Stadtarchiv, der Neusser Stadtbibliothek und im Internet sehr schnell feststellen müssen, dass Quellen jeglicher Art zu unserem Thema nicht vorhanden sind.

Wir überlegten uns, dass Informationen dann nur über die Interviews von Zeitzeugen zu erhalten sind. Die Gespräche waren sehr interessant, teilweise mehrere Stunden lang und voller Informationen für uns.

Teilweise haben wir im Folgenden die Interviews wörtlich transkribiert, um auf diese Weise deutlich zu machen, wie wir versuchten, unserem eigentlichen Thema näher zu kommen.

 

Mitarbeiter und Pensionäre

Mitarbeiter und Pensionäre der Abwasserwerke Neuss am 11.09.2008

In unserem ersten Zeitzeugeninterview am 11.09.2008 haben wir Mitarbeiter und Pensionäre der Abwasserwerke Neuss interviewt. Wir erhofften uns von diesem Interview mehr Informationen über den Ablauf und die Ausführung ihrer Arbeit.

Die vorliegenden Antworten sind nicht nach einzelnen Personen unterschieden.

Frage: Wie sehen Sie Ihren eigenen Beruf?

Die meisten Leute wussten gar nicht. was ein Kanalarbeiter so macht. Dadurch war das Image natürlich am Boden, da die meisten Leute die Kanalarbeiter immer als Personen sahen, die bis zur Hüfte im Dreck stecken und den Schmutz der Bevölkerung beseitigen. Die Wertigkeit des Berufs hat sich jedoch stark verbessert.

Trotzdem wurden die „Schlipsträger“ (Ärzte, Ingenieure etc.) als höher angesehen, obwohl Sie auch nur ihre Arbeit machen. Es ist natürlich schwer einen Arzt mit einem Kanalarbeiter zu vergleichen, da die Berufe zu verschiedenen Arbeitbereichen gehören.

Trotzdem kann man den Arzt nicht als besser ansehen, da er ja auch nur seine Arbeit macht und wenn mal die Kanalarbeiter nicht hätte dann wären wir ganz arme Leute.

Ich wohne in Norf und da geht man abends schon mal in die Kneipe an der Ecke und trinkt sich ein Bierchen und plötzlich kommt ein Mann, ob ich ihm wohl gesonnen war, weiß ich nicht, auf jeden fall kommt der her und sagt: „Was willst du denn hier du Kanalarbeiter?!“ (Zitat von Herrn …)

Daran kann man noch mal sehen, dass die Kanalarbeiter keinen besonders guten Ruf hatten und heute noch haben.

Die Leute haben da sicherlich sehr drunter gelitten, dass sie das Image nicht hatten, was man einfach braucht. Der Beruf des Versorger und Entsorger verlangt einen sehr hohen Wissensstand, da man da schon vieles können muss.

Frage: Doch was hielten die Arbeiter von dem Kanalarbeiterdenkmal an der Alten Post?

Im ersten Moment haben alle darüber geredet, das fanden alle ganz toll, da mal über die Kanalarbeiter geredet wurde und sie mal die Aufmerksamkeit bekamen, die sie verdienen. Als sich das wieder gelegt hat, waren wir wieder ein „Dorn im Auge“ der Bürger.

Frage: Waren sie stolz das sie geehrt wurden?

Man war stolz. dass man ein Denkmal gesetzt bekam.

Früher war die Arbeit viel schwerer als heute, da man heute die nötige Technik hat, weshalb man nur noch selten in den Kanal steigen muss.

Frage: Helden-Definitionen sind eine schwierige Sache, halten sie sich eigentlich für Helden?

Früher, die Leute hatten keine Selbstrettung, die man unten im Kanal brauchte.

Auf mich bezogen ist die Arbeit was Besonderes, was die Leute draußen sagen. ist mir egal. Vorher hab ich Maurer gelernt, war für mich auch etwas Besonderes. Hier die Sache an sich ist sehr speziell und wir machen viele unterschiedliche Tätigkeiten. Für mich ist die Arbeit OK. Sie macht mir auch Spaß. Man hat zwar manchmal Höhen und Tiefen, aber das hat man überall auf der Arbeit. An sich ist es schon etwas Besonderes hier zu arbeiten.

Frage: Ist es denn bei ihnen im Hinterkopf, dass sie sagen, ich bin eine Person, die zwar im kleinen Kreise mit 25 Handwerkern hier auf dem Bauhof für insgesamt 830 km Kanalisation und gleichzeitig für den Umweltschutz zuständig ist?

Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes sehr große Umweltschützer, indem wir das Abwasser, welches sonst in irgendein Gewässer fließen würde, vorher reinigen oder dafür sorgen, dass es irgendeinem Reinigungsinstitut zugeleitet wird und damit ein direkter Beitrag Umweltschutz vollzogen wird. Ist das bei ihrer Tätigkeit bewusst?

Bewusst schon, aber da macht man schon etwas Besonderes und dann bekommt man keine Anerkennung dafür oder nur Peitschenhiebe für dies und jenes, dadurch kommt auch diese Unzufriedenheit. Die meisten wissen schon, dass sie hier etwas Besonderes machen.

Also im Jahresabschlussbericht schreiben wir immer den Schlusssatz: Damit haben wir einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz gegeben mit dieser Tätigkeit. Das ist hier auch sehr hoch angesehen. Wenn sie mal den Rhein sehen, der Rhein an sich ist um ca. 1000 % sauberer geworden, denn alle Schwermetalle sind jetzt weg und das beginnt natürlich im Kanal. Wir haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die ganzen Metalle nicht hinein kommen und wenn, dann sie raus zu holen.

Frage: Verstehe ich das richtig, dass man früher sein Leben aufs spiel gesetzt hat wenn man in den Kanal gegangen ist?

Ja, ich weiß nicht, ob das heute auch noch so ist, aber früher hatten wir alle 2 Jahre einen Ingenieur zur Unterweisung der Gefahren. Der sagte ganz lässig: vorheriges Jahr haben wir wieder 3 entsorgt in ganz Deutschland gesehen.

Frage: Ich habe eben raus gehört, dass sie sich mehr Anerkennung wünschen?

Ich spreche jetzt mal für die Allgemeinheit, es ist schon so. Manchmal ist es schon schwer draußen mit den Menschen umzugehen, die einfach nicht wissen, was wir machen.

Frage: Aber wenn ich jetzt mal überlege, was sie gesagt haben, sie wünschen sich mehr Anerkennung und machen etwas sehr wichtiges, das kommt aber ganz nah an die Helden Definition ran. Sie machen etwas wichtiges aber bekommen wenig Anerkennung und Gnade Gott wenn sie das nicht machen würden, dann wären wir ganz arme Menschen. Also doch eine heldenhafte Arbeit???

Die Anerkennung ist ein Thema. So gesagt. stimmt das schon. Aber wenn du auf der Straße stehst und den Verkehr sichern willst, was da manchmal los ist, dann hat man auch keinen Lust mehr. Heutzutage bist du ein Hindernis. Keiner hat mehr Zeit.

Frage: Was würden sie sich wünschen?

Wenn ich im Fernsehen sehe, da kommen öfter so Kanalarbeiter Reportagen, die spielen öfter in München wegen dem Großraumprofil. Man sieht diese dreckigen Arbeiten, die man heute in einem Unternehmen zu vermeiden versucht. Dadurch, dass da aber was Besonderes gezeigt werden soll, weil eine Kamera dabei ist.

Dann sieht man, wie der Kanalarbeiter bis oben hin im Kanal ist und dann schwimmt noch etwas vorbei, das macht den großen Teil der Arbeit aber nicht aus. Im Fernsehen wird nicht das realistische Bild der Arbeit eines Kanalarbeiters dargestellt, weil das zu unspektakulär ist. Andere Berufe werden anders dargestellt und deswegen hat sich dieses Image gebildet.

Wenn man da etwas offener und ehrlicher wäre und zeigen würde wäre das Image der Kanalarbeiter besser, das lässt sich aber nicht so gut verkaufen und deswegen wird es nicht so verkauft. Ich habe auch versucht die NGZ zu bitten dabei zu sein, die haben gesagt, wenn etwas Spektakuläres passieren würde, wären sie dabei aber so nicht.

Das ist genau das, was ich meine ein VW Mechaniker der den ganzen tag nur Lichtmaschinen wechselt, wo man 3 Schrauben zu wechseln hat, bekommt mehr Anerkennung, obwohl die Arbeit ziemlich vereinfacht wurde. Bei uns war früher Handarbeit, wie sie heute gezeigt wird, ein Hauptteil der Arbeit.

Aber die wirkliche Arbeit ist die Bedienung großer Maschinen, die Computer-Unterstützte sind, die viele mechanische Teile haben, wo man auch mal gucken muss, welches Teil kaputt ist und entscheiden, ob man in die Werkstatt fahren muss.

Wir haben auch andere handwerkliche Arbeiten. Dieser technische Anteil ist stark im Gegensatz zu früher gestiegen, das ist das, was unseren Beruf schlechter darstellt als er wirklich ist. Andere Berufe werden besser dargestellt als sie wirklich sind.

Früher war ich im Hochbau, da hat man gesehen, was man gemacht hat, aber wenn ich jetzt arbeite und fertig bin, mach ich den Deckel zu und niemand sieht was wir getan haben, dann heißt es: „Die stehen ja nur rum!“ Dann sieht keiner mehr, was wir gemacht haben „aus dem Auge aus dem Sinn“. Die Leute wissen es nicht und zeigen kein Interesse.

Frage: Warum haben sie sich für den Beruf Kanalarbeiter interessiert?

Das hat sich so ergeben. Ich war vorher beim Baufach und habe dann zur Stadt gewechselt in den Kanalbau.

Bei mir war das auch so, ich war vorher beim Baufach und dadurch hat sich das aufgebaut und es macht auch Spaß

Ich bin auch vom Baufach zur Stadt gekommen. Das war häufig so, denn man hatte bei kleineren Bauunternehmen Probleme im Winter Aufträge zu bekommen.

Frage: Warum haben sie sich grade für den Bereich Abwasserwirtschaft interessiert.

Früher gab es den klassischen Beruf Entsorger nicht. Die Leute wurden eingestellt und angelernt und wurden in dieses mit rein geführt. Man musste sich mit der Arbeit solidarisieren. Am Anfang war es schon schwierig, denn das war man vom Baufach nicht gewohnt, nachts durch den Kanal zu robben. 1971 hatten wir hier auf dem Bauhof nur 2 Fahrzeuge, das heißt, dass Reinigungsarbeiten und Spülarbeiten per Hand gemacht werden mussten, das war teilweise eine Sauerei.

Da liefen auch mal männliche Ratten über den Weg.

Frage: Es gibt bei der Stadt viele möglichen von Berufen. Wurden sie von einer zentralen Stelle zum Kanalbau eingeteilt oder haben sie sich gezielt beworben?

Früher waren Arbeitsplätze knapp, dann haben die vom Amt uns hier eingeteilt, weil Kanalarbeiter gesucht wurden. Es gibt immer spontan Bewerber, die sich beim Personalamt der Stadt bewerben, und da kann man das Glück oder nicht haben zum Grünflächenamt oder halt zur Kanalarbeit eingeteilt wurde.

Es gibt auch immer Krankheitsfälle und da brauchen wir neue Leute um diese Stelle zu ersetzen, weil sonst die Arbeit nicht erledigt werden würde und das machen wir mit Leuten, die wir schon lange auf der Warteliste stehen haben, die irgendwann mal etwas von uns gehört haben ,die über Freunde bekannt etwas über diese Tätigkeit gehört haben und daran interessierst sind eine feste Anstellung zu belegen.

Frage: Ist ihnen mal ein Kollege untergekommen der gesagt hat: „Ich möchte unbedingt den Beruf des Kanalarbeiters machen!“ ?

Ich glaube, am Anfang sind die Berührungsängste sehr groß, dass ist heute noch so bei den Jugendlichen in der Disco, da hört es sich wesentlich schlechter an. „Ich bin Kanalarbeiter!“ als: „Ich bin Automechaniker bei Porsche.“ Das Image ist einfach schlecht.

Wenn man im privaten Bereich darüber spricht, da werde ich gefragt: „Wie kann man das machen?“ Ich finde aber, das ist genau so wie ein Bäcker, der backt auch sein Brot. Der macht auch einfach nur seine Arbeit. Am Anfang ist alles gewöhnungsbedürftig. Was man heutzutage vergisst ist, dass es eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit ist.

Was wir beobachten ist, dass in den meisten Handwerken die Tätigkeit leichter geworden ist durch Bausätze oder Einbauprinzipien z.B. der Automechaniker der nur noch Blöcke einbaut. Bei uns ist es Technik anspruchsvoller geworden, weil wir jetzt technische Mittel nutzen, die wir vorher nicht hatten zum Beispiel Kameras, Aufwendigere Techniken, um den Kanal zu reinigen, und die Fahrzeuge werden immer Anspruchs voller.

Der Fahrer fährt ein Auto, bei dem mit Magneten die Deckel hoch gehoben werden und er dann vorne mit einem Roboter arbeitet. Bei uns wird es technisch anspruchsvoller. Das heißt, bei uns ist der Ruf schlechter als die Arbeit . Das führt deswegen nicht dazu, dass die Leute hier Schlange stehen und sagen: „Ich möchte unbedingt Kanalarbeiter werden“, weil das Image und das Prestige nicht da ist, das hindert viele junge Leute zu uns zu kommen.

Wenn draußen eine gute Konjunktur ist, ist weniger Interesse am öffentlichen Dienst, weil der schlechter bezahlt wird, als die freie Wirtschaft, aber wenn es schlechter ist, dann stehen die Leute hier Schlange. Die Leute interessieren sich nicht für den öffentlichen Dienst.

Frage: Braucht man eine bessere Ausbildung, weil es immer mehr technische Errungenschaften gibt?

Wir versuchen, die Leute immer mehr gezielter auszubilden. Im Moment ist es so, dass die Leute mit der Technik wachsen. Das heißt., dass die Leute, die früher mit einem sehr einfachen Fahrzeug unterwegs waren, immer mehr im Beruf dazu gelernt haben. Für die, die neu dazu kommen ist es natürlich schwerer, sich einzufinden, deswegen werden wir in Zukunft ausbilden

Frage: Ist es schwer, sich den neuen Technologien anzupassen?

Früher hatte man kaum Knöpfe am Fahrzeug, aber heute hat man so viele, das man nicht einmal weiß, wo du jetzt schalten musst, da musst du schon ein bisschen lernen. Man muss mit der Sache auch wachsen und der Wille muss auch dabei sein. Manche sagen: „Ne, will ich nicht“, aber man muss auch wachsen mit der Sache und sich interessieren. Der Wille muss da sein, dann geht das schon.

Wenn eine neue Technik hereingebracht wird, müssen alle noch ein bisschen lernen. Aber wenn diese Technik erst mal erlernt ist, ist die Handhabung leicht. Man sieht auch an Klärwerken, wie sich die von einfachen mechanischen Betrieben zu hoch komplexen Maschinen geworden sind.

Frage: Haben sie irgendetwas Besonderes erlebt bei ihrer Arbeit?

Nein nichts Besonderes.

Frage: Können sie erzählen wie die Arbeit in den 60er Jahren war?

Ja da standen zwei Leute oben, einer auf dem Deckel, der andere auf dem anderen, dann hat man eine Verbindung mit Holzlatten gemacht, dann hat man ein Stahlseil durchgezogen und dann eine Bürste durch den Kanal gezogen. Dann kam der Dreck in den Schacht, dann in einen Eimer und dann nach oben.

Das setzte aber voraus, dass man in jeden Schacht einsteigen musste. Heute ist das ja nicht mehr so, heute tut man den Schlauch in den Kanal, dieses Hochdruck Spülgerät.

Frage: Würden sie sich als Helden sehen oder wurden sie so bezeichnet?

Wenn man auf sich selber aufpasst, dann wird man kein Held. Das ist einfach nur eine Arbeit, die man macht. Für mich sind Helden eher Ärzte, die Leben retten. Ich hab das noch nie als heldenhaft gesehen für mich, ich mach nur meine Arbeit. Also wenn mich jetzt ein Arzt im Krankenhaus sehe, von dem profitieren auch alle.

Frage: Aber wir profitieren ja auch von ihrer Arbeit.

Ja, dass sie auf Toilette gehen können. Wir leisten den größten Beitrag des Umweltschutzes, indem wir die Scheiße der Neusser ordnungsgemäß entsorgen. Und DAS sind Helden.

Frage: Was sagen die Menschen, wenn sie sagen, als was sie arbeiten?

Ich Arbeite bei der Stadt Neuss im Kanalbau.

 

Frage: Wie ist die Reaktion der Leute?

Ja entweder sie Leute kommen damit zurecht oder nicht. Manche sagen auch: „Wie kann man so etwas machen?“ Das machen sie, weil sie sich nichts darunter vorstellen können. Die denken, es stinkt da. Die denken, da ist es wie auf dem Klo und da stinkt es, weil die Leute keine Vorstellungskraft haben, wie es da unten wirklich ist.

 

So ist es aber nicht im Kanal. Schon klar, dass es stinkt wenn man eine Verstopfung hat. Die Leute sagen: „Hmm, damit kann ich nichts anfangen.“ Die Leute machen sich ja auch keine Gedanken. Die gehen auf die Toilette, drücken ab und weg ist es, aber bis es ins Klärwerk kommt, was da noch alles passiert, darüber werden sich keine Gedanken gemacht.

Als wir uns getroffen haben, erst mal waren wir das Hindernis. Die Leute gucken dann und sagen: „Ih das stinkt, schnell weg hier.“ Am besten find ich kleine Kinder, die sagen: „Toll!“ Dann zeigen wir denen alles, aber die Erwachsenen sagen: „Wie kann man das den machen?“ Aber es muss ja gemacht werden, sonst läuft es ja nicht. Ich schäme mich auch nicht dafür, muss ich sagen.

Frage: Wie haben die Leute damals darauf reagiert?

Höchstens kritisch, denn die Mülllader waren noch eins hinter uns

 

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Auswertung

 

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