Historie der Neusser Kanalisation

Zur Historie der Neusser Kanalisation

Neuss ist eine ca. 580 km² große, ungefähr fünfzehn Autominuten von Düsseldorf entfernte, am Rhein gelegene Stadt. Sie hat ca. 145.000 Einwohner.

Obwohl wir im Stadtarchiv nur Akten der Stadtverwaltung gefunden haben, die über Baumaßnahmen und technische Details Auskunft geben und uns nur wenig bei unserem Thema weiterhelfen konnten, stellen wir diese wenigen Informationen im Folgenden zusammen mit einigen persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen aus Zeitzeugeninterviews dar.

Die Interviews erfolgten am 10.11.2008. Dabei befragten wir Mitarbeiter der Stadt Neuss zu ihrer Arbeit am Kanalsystem in Neuss und wie sich diese im Laufe der Jahre und der Technisierung verändert hat.

Es existiert zwar eine unvollständige Darstellung der Geschichte des Kanalsystems, die das Amt für Stadtentwässerung vor einigen Jahren in Auftrag gab.

Aus urheberrechtlichen Gründen war aber diese unveröffentlichte Untersuchung für uns zunächst nicht einsehbar. Bei einem weiteren Treffen am 1. Dezember konnten wir dann doch Teilkopien und Informationen daraus erhalten.

Im Rhein-Kreis Neuss wurden vom 19. Jahrhundert bis zum Jahr 2008 830 km Kanal verlegt, was etwa einer Strecke von Neuss bis Salzburg entspricht. Alle Kanäle sind in ein bis sechs Meter Tiefe verlegt worden. Das Neusser Kanalnetz ist circa 300 Millionen Euro wert.

 

Karte des Neusser Abwassersystems



Den genauen Stand der Karte kennen wir leider nicht, laut Aussage von Herrn Heiertz ist dies aber das aktuelle Entwässerungssystem von Neuss

Nur ein Beispiel: Varsold, Manfred 1900-Durchbruch der Moderne, Bamberg 2009 S.116ff


Vgl. NGZ und Express, Artikel des 13. und 14.2.08,

 

Im Mittelalter hatte Neuss ähnlich schlechte hygienische Verhältnisse, wie die meisten anderen Städte Deutschlands. Eine sicherlich bekannte Ausnahme war allerdings Köln und die meisten Klöster, welche schon ein Schmutz- und Abwassersystem entwickelt hatten.

In Städten ohne Schmutzwassersystem wurden Abwässer und Fäkalien über abschüssige Straßen durch die Rinnen bei Regen von den Wegen gespült und meist in umliegende Flüsse geleitet. Dadurch wurden jene oft stark verschmutzt.

In Neuss waren davon vor allem der Nord- und Erftkanal, sowie der Erftmühlengraben stark betroffen.

In Perioden, wo es dann weniger bis gar nicht regnete, entstanden übelste Gerüche, die dann durch die gesamte Stadt krochen. Das Schmutzwasser, welches nicht weggespült werden konnte, versickerte und vermischte sich so mit Reinwasser, das aus Brunnen an die Oberfläche geholt wurde.

So verbesserten sich die hygienischen Zustände auch nicht weiter. Aber die Theorie, dass Neuss früher noch keinerlei Ab- und Schmutzwassersysteme hatte, wurde Anfang des Jahres 2008 widerlegt. Die Archäologin Sabine Sauer fand zu diesem Zeitpunkt ein Stück Kanal von ca. 4m Länge und 50cm Breite aus dem 13. Jahrhundert.

 

Dieses Stück Abwassergeschichte fand man dort, wo ehemals das Niedertor gestanden haben soll, also am Übergang der Niederstraße zur Krefelderstraße.

Allerdings wurde erst 600 Jahre später ein Kanalnetz, auf Grund einer Auflage der Stadt, durch ganz Neuss verlegt und ständig verbessert.

Außerdem stieß man während der Konstruktion auf das Problem, dass man ein natürliches Gefälle brauchte, um Ab- und Schmutzwasser zu den zwei Neusser Kläranlagen die in den 60er Jahren erbaut und in Betrieb genommen wurden, zu leiten.

Dieses Problem wurde dadurch behoben, dass man ca. 160 Pumpstationen in das Kanalnetz einbaute.

 

Aber durch ziemlich viele und teils schwerwiegende Zerstörungen während des 2. Weltkrieges, mussten Pumpen, sowie auch Kanäle vorerst von Trümmern befreit( siehe Bild) und erneut in Stand gesetzt um nutzbar gemacht zu werden, dies ließ sich die Stadt Neuss rund 2.5 Millionen DM kosten.

Man zählte während der Wiederinstandsetzung des Neusser Abwasserkanalnetzes rund 450 Schäden.

Während dieser Bauarbeiten musste die Verlegung von neuen Kanälen und Pumpen, welche gerade in den 20er und 30er Jahren sehr lebhaft betrieben wurde, vorerst ruhen.

Im Jahre 1974 hatte die Stadt dann zwei Kläranlagen, welche das Problem der Nordkanalverschmutzung beheben konnten. Eine davon befindet sich, früher wie auch heute, im Norden, die andere im Süden der Stadt.

Gerade zu dieser Zeit, wo viele Arbeiter gebraucht wurden, hatte man viele Stellen im neu eingeführten Berufsbild des Ver- und Entsorgers zu vergeben.

„Zu dieser Zeit waren Arbeitsplätze im Kanalbau gesucht und wir wurden dann vom Amt aus hier hingeschickt.“

Daraufhin stellte die Stadt Neuss viele Personen, die aus Baubetrieben kamen als Kanalarbeiter ein. Diese Menschen suchten vor allem für Winterzeiten einen sicheren Arbeitsplatz, welcher für sie bei der Stadt Neuss Zukunft hatte.

„ Es war sicherlich der gesicherte Arbeitsplatz Ausschlag gebend, hier anzufangen.“

Um 1971 hatten alle Arbeiter nur zwei Fahrzeuge zur Verfügung. Dies hatte zur Folge, dass sie nicht selten durch sämtliche zu reinigende Kanäle kriechen oder gehen mussten und mit Eimern den Dreck zu entfernen.

Ebenfalls war es nichts besonderes, bei Nacht durch Kanäle zu robben, um mit einem Schieber oder einer Art Brett, welches hinter sich hergezogen wurde, den Schlamm und Dreck vom Boden des Kanals zu lösen. „Die Leute mussten dann wirklich mehrere Stunden dort unten verbringen.“

Seit einiger Zeit muss man zwar nicht mehr in den Kanal absteigen, wie es so eben beschrieben früher nötig war, dafür wird der Teil, der in Anfangszeiten die starke körperliche Belastung hervorgerufen hat, heute durch die Arbeit von Computergesteuerten Robotern und Ähnlichem ersetzt.

„Wir haben zum Beispiel vor einigen Jahren angefangen, mit einer Kamera und auch mit Laptops usw. zu arbeiten.“ Durch diese Technisierungen, wird der Beruf andererseits also anspruchsvoller als er ehemals war.

 

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