Karlchen als Antiheld

Karlchen ein Antiheld?

Karlchen stellt ganz im Gegensatz zum „positiven“ Helden, dem Idealtypen des Helden, der die Gesellschaft und ihre Ziele verkörpert, und dem „negativem“ Helden, der eher der gesellschaftliche Versager ist, eher einen „Antihelden“ dar.

„(…) ein ,Wider-Held’, in dem sich der überlieferte Heldenbegriff ‚ad absurdum’ führt, da er den total an die nivellierenden und entindividualisierenden Kräfte von Zeit und Gesellschaft ausgelieferten macht- und sprachlosen Vertreter der Spezies ‚homo sapiens’ verkörpert“ .

Dies mussten wir nach eingehender Recherche feststellen, nachdem wir zahlreiche Zeitzeugeninterviews hinter uns gebracht und gleichsam mehr als zehn Jahre Zeitungsgeschichte, orientiert an den „Schützenfestextras“ der Neuss Grevenbroicher Zeitung (NGZ), durchforstet hatten.

Wir mussten entgegen unseren Erwartungen feststellen, dass Karlchen kein einziges Mal –auch nicht nur mit einem einzigen Wort- in der Zeitung erwähnt wurde. Darüber hinaus blieb unsere Suche nach Sterbeanzeigen in den Neusser Zeitungen ergebnislos.

„Wenn dieser Mann namens Karl tatsächlich ein Held gewesen sein soll, so muss es doch wenigstens Hinweise in den Medien der Zeit gegeben haben.“, so dachten wir.

Diese Frage sollte uns für lange Zeit beschäftigen.

Tatsächlich bekamen wir zusehends erdrückende Hinweise von Zeitzeugen, die Karlchen als alles andere, nur nicht als Held enthüllten:

Karlchen soll sich Frauen gegenüber äußerst unangemessen verhalten haben . So habe er ihnen lüsterne Worte zugerufen, sei ihnen gefolgt oder habe sie begafft.

Ist das heldenhaft?

Darüber hinaus wurde Karlchen in seinen älteren Jahren von zahlreichen Zeugen als zunehmend aggressiv beschrieben. Während eines Schützentreffens soll der geistig behinderte Carl vor einer Apotheke in der Nähe des Niedertors im Zentrum von Neuss einen kleinen Jungen während eines Wutanfalls mit unkontrollierten Schlagbewegungen niedergeschlagen haben.

Der von Karlchens Faust getroffene Junge soll sogar für kurze Zeit bewusstlos dagelegen haben, so Hans Mausbach, ein Schütze. Karlchens Aggressivität soll später auch der Anlass seiner Einweisung in die geschlossene Station einer Psychiatrie gewesen sein.

Ist das heldenhaft?

Er lief bei jeder Schützenparade zum Vergnügen der Menge vor dem Schützenzug voran. Mit seiner durch seine geistige Behinderung unkoordinierten Art zu Gehen und seinem unbändigen Elan zog er den Spott der Menge auf sich. Er selbst hat dies höchstwahrscheinlich nicht so wahrgenommen, da er sich über Zurufe sehr gefreut hat und dann noch stärkere Marschierbewegungen gemacht hat.

Wir sind uns einig: Das sieht nicht sehr heldenhaft aus, eher anti-heldenhaft und tragisch.

 

Karlchen als Held

Trotz der negativen Attribute, die Karlchen zuzuschreiben sind , vereinen sich in ihm zahlreiche Eigenschaften, die wir heutzutage mit dem Heldentum in direkte Verbindung bringen.

Wir haben uns Gedanken über das Heldsein gemacht:

Welche Charakterzüge und Eigenschaften machen unserer Meinung nach jemanden zum Helden?

Aus unseren Überlegungen kristallisierten sich vier Eigenschaften heraus:

 

Publikum

Helden haben immer einen Pool an Bewunderern bzw. an Leuten, die sich für die Person interessieren.

Man spricht über besondere Menschen, bewertet und kommentiert ihr Verhalten, kritisiert sie vielleicht, stellt wenigstens Vermutungen an. Manchmal bringt dieses Phänomen die Gerüchteküche zum Kochen.

Ein Heldenmythos entsteht.

Dies lässt sich sowohl bei Religionen (Jesus - „der Retter“ - von Nazareth im Christentum, oder Abu I-Kasim Mohammed im Islam), beispielsweise auch in Form der Heroenverehrung, die weit in der vorgeschichtlichen Zeit ihre Wurzeln hat, als auch in der Politik wieder finden.

In der Politik wurden Heldenmythen oft zu Propagandazwecken für die Bevölkerung missbraucht. Ein sehr bekanntes Beispiel ist der Lange Marsch, der zentrale Heldenmythos der Kommunistischen Partei Chinas, oder Wassili Grigorjewitsch Saizew , ein sowjetischer Scharfschütze im Zweiten Weltkrieg, der eine entscheidende Rolle für die russische Propaganda spielte.

Er war vergleichbar mit Freiherrn Manfred Albrecht von Richthofen, dem Roten Baron , der als Propagandainstrument der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg ausgespielt wurde.

Karlchen spielte zwar nicht für irgendwelche Propaganda eine Rolle, allerdings bildete er reichlich Gesprächsstoff für die Neusser und deren Schützen.

Karlchen war auffallend.

 

Taten

Jeder Held kann seinen Lebenslauf mit einer großen Tat, wenn nicht sogar mehreren, schmücken.

Diese Taten grenzen ihn in erster Linie von der restlichen Menschheit ab.

Dies sind vor allem Taten, die der Gesellschaft insgesamt oder einzelnen Personen beispielsweise durch Rettungsaktionen zugute kommen, und die ein besonderes Maß an Mut voraussetzten.

Karlchen hat zwar keine Menschenleben gerettet, keine Revolution bewirkt oder gar ein Hochhaus vor dem Einsturz bewahrt, trotzdem behauptet er seine Position als „Held“, indem er sich durch seine Taten abgrenzt und der Gemeinschaft mehr oder weniger einen Gefallen tut, indem er sie „bei Laune“ hält.

 


 

Mut

Helden müssen, um Heldentaten bewirken zu können, ein bestimmtes Mindestmaß an Mut haben.

Mut in einer Situation zu zeigen, muss sich nicht zwingend auf etwas tatsächlich Gefährliches beziehen. Wer vor Situationen Angst hat, die objektiv nicht gefährlich sind, etwa aufgrund einer Phobie, verhält sich mutig, wenn er sich ihnen bewusst aussetzt (Goethe bekämpfte seine Höhenangst, indem er auf das Straßburger Münster stieg).

Vor einer gefährlichen Situation keine Angst zu haben, wird ebenfalls gelegentlich als Mut bezeichnet, obwohl dies auch ein Zeichen von Erfahrung (Sicherheit, die Situation bewältigen zu können) oder auch von Naivität sein kann (das Gefahrenpotential wird gar nicht erkannt).

Karlchen hat außerordentlichen Mut bewiesen, indem er gegen die Normen verstoßen hat und als Nicht-Schütze vor dem Schützenzug vorweg marschierte, das alles in einer Art und Weise, die offensichtlich Aufsehen erregte. Auch ist es mutig, sich einer so großen Menschenmenge auszusetzen, dadurch im Mittelpunkt zu stehen und sich der Masse auszusetzen.

 

Zurückhaltung

Helden schmücken sich nur selten mit ihren Taten. Sie erkennen ihre Taten als selbstverständlich an und werden nicht überheblich. So sind die großen Comichelden, mit denen wir ausgewachsen sind, ein gutes Beispiel hierfür. Sie wolle keinen Ruhm, sondern bleiben anonym, meist tragen sie eine Maske.

Karlchen sah seine Taten auch als selbstverständlich an. Laut Augenzeugenberichten war Karlchen weniger auf die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, sondern vielmehr auf das gute Gelingen der Schützenparade aus.

Unter den hier aufgezeigten, einen Helden auszeichnenden Attributen, lässt sich Karlchen durchaus als „Held“ bezeichnen.

Wenn auch nicht im engeren Sinne.

Er vereinigt in seiner Person heldenhafte Eigenschaften.

Trotzdem stellt sich uns die Frage:

Wer definiert das Heldsein?

Wieso gibt es Helden?

 

Fazit

Damit ist es an der Zeit, ein grundsätzliches Fazit zu ziehen. Einige wesentliche Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir dank des diesjährigen Geschichtswettbewerbs erhalten haben, lassen sich wie folgt formulieren.

Im Nachhinein mussten wir feststellen, dass das Thema zwar viel Potential hatte, jedoch –wie wir jetzt wissen- aufgrund der schlechten Quellenlage (besonders der schriftlichen) wir zu sehr gezwungen waren, Spekulation über Zusammenhänge anzustellen.

Wir konnten zwar viele wichtige Fragestellungen aufwerfen, konnten diese aber letztendlich nicht eindeutig beantworten, da wir sie nicht belegen konnten.

Durch einen Aufruf in der lokalen Zeitung wäre es uns durchaus möglich gewesen, mehr Zeitzeugenaussagen zu bekommen. Aber selbst wenn wir 1000 Zeitzeugenaussagen gehabt hätten, wir hätten diese nicht verifizieren können. Schriftliche Quellen –welche uns nicht vorlagen- wären absolut notwendig gewesen.

Insofern war unsere Arbeit, wie Goethe bereits über seinen Werther sagte, vom „tödlichen Wurm gebissen“.

Trotzdem konnten wir diesen Fehler zu Beginn der Arbeit nicht bemerken.

Als wir ihn aber letztendlich erkannten, hatte uns das Thema so sehr in seinen Bann gezogen, dass wir nicht davon ablassen konnten, weitere Informationen über dasselbige zusammenzusuchen.

Die meiste Zeit war unsere Arbeit geprägt von depressiven und ergebnislosen Arbeitsphasen, da wir trotz starker Bemühungen keine neuen Informationsquellen finden konnten.

Besonders die langwierige, aber letztendlich erfolglose Suche in den Zeitungen hat uns sehr frustriert. Auch in der Gruppe ergaben sich zuweilen Spannungen, da vereinbarte Termine nicht eingehalten wurden.

Ein besonderes Highlight war es deshalb für uns, endlich ein Bild von Karlchen in den Händen halten zu können und zum ersten Mal das bis dahin abstrakte Phantom Karlchen als Mensch vor uns zu sehen.

Letztendlich sind wir trotzdem jetzt jedoch froh, ein ansehnliches Resultat unserer Arbeit vor uns zu sehen.

Im Endeffekt war es angesichts der neuen Erfahrungen für uns doch sinnvoll, am Geschichtswettbewerb teilgenommen zu haben.

 

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Quellenlage

 

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