"Held"?

Wer oder was ist ein "Held"?

„Helden – verehrt, verkannt, vergessen“, so lautet der Titel des diesjährigen Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.

Bevor wir uns „unserem“ Helden widmen, wollen wir erst einmal versuchen, die Frage zu beantworten, wer oder was ein Held denn eigentlich ist.

Der Brockhaus gibt gleich drei Bedeutungen von „Held“ an:

„Held [mhd. helt, aus nordgerman.], 1) außergewöhnl. (i. e. S.: bes. tapferer) Mensch.) Hauptgestalt eines dichter. Werks, oft Titelfigur.) Rollenfach beim Theater (…)“

Harenbergs Lexikon der Weltliteratur definiert den „Helden“ in der Literatur folgendermaßen:

„(…) Im Bürgerlichen Trauerspiel ist der Held ein ‚gemischter Charakter’, der bürgerliche Werte wie Tugend, Fleiß, Ehrlichkeit, Treue und Menschlichkeit vertritt, zugleich aber auch als verführbar und fehlbar erscheint und sich somit für die unmittelbare persönliche Identifikation anbietet. (…)

In systematischer Betrachtung kann der H. gefasst werden als Träger einer Idee, als Repräsentant einer Sozialschicht, einer Gruppe oder eines Berufes, als Verkörperung eines Widerspruches usw.“

Im heutigen Sprachgebrauch ist der Begriff des Helden sehr geläufig, doch gilt es ihn unserer Meinung nach zu hinterfragen.

Die Existenz von Helden wird in der Literatur mit einer gewissen Selbstverständlichkeit vorausgesetzt und als irgendwie bekannte Personifikationen des Guten vorgestellt.

Ihr Wesen und ihr Aussehen werden nirgendwo genau definiert. Es werden ihnen aber Namen und Bezeichnungen (der Große, der Retter, der Befreier usw.) gegeben.

Ihr Verhalten und ihre Taten werden in vielfältiger Weise dargestellt, sodass es durchaus möglich ist, sich ein Bild von ihnen zu machen. Für eine zusammenfassende Darstellung wird somit weniger die Frage ihres Daseins als vielmehr die nach ihrem So sein zu beantworten sein.

Bei der Antwort auf diese Frage spielt das Problem der Klärung der Ursprungsfrage der Helden eine nicht unbedeutende Rolle.

Sind Helden die bloße Personifikation des Guten, oder wollen sie lediglich das Geheimnis desselbigen „erklären“?

Wie und warum werden sie eigentlich mit dem gemeinschaftlichen Namen „Held“ belegt?

Ist dies eine bloß zufällige Bezeichnung verschiedener Gegenstände mit demselben Wort?

(Das ist wahrscheinlich.)

Oder werden sie dadurch unter einen Begriff gebracht, weil sie von ein und derselben Ursache herstammen und sich auf einem und gemeinschaftlichen Zweck vereinigen?

 

Der Ursprung der Heldenmythologie

Obwohl in den Medien und der Literatur fortwährend von Helden die Rede ist, wurde die Grundlage für die Heldenverehrung nicht in unserer Zeit gelegt.

Denn nicht unvergleichlich häufiger oder vielfältiger als in früherer Zeit ist in der Literatur von Helden die Rede. Tatsächlich ist es so, dass Heldensagen schon vor der Zeit des Buchdrucks allgegenwärtig waren.

In der Megalithkultur des Nordens, die ca. 2000 v. Chr. von Irland und dem Norden Großbritanniens aus nach Dänemark und Deutschland gelangte, fanden bereits die Ahnengeister in den Heroen der Germanen ihre Vorbilder .

Die „Heroen“ in der griechischen Mythologie waren die zwischen Göttern und Menschen stehenden Ahnen bzw. prototypische Vertreter bestimmter Fertigkeiten oder Tätigkeiten. Sie sind gekennzeichnet durch Abweichungen von allen Normen:

Ungewöhnliche Geburten und Kindheiten, alle Arten von Abenteuern und exzessive Kräfte . Sie sind die sagenhaften „Helden“ der Vorzeit, die berühmten Ahnen von Völkern oder Städten. Obwohl sie nicht unsterblich sind, geht ihr Wirken weiter –geheimnisvoll, schützend oder gefährdend.

Heroen finden sich auch zeitgleich in der Indischen und in der Chinesischen Kultur um 1500 und 1000 v. Chr. wieder.

In China soll es bereits im 18. Jahrhundert v. Chr. eine Kultur mit Heldenverehrung gegeben haben. Als Helden dieser Kultur werden Sui Yen, Du Hsi und der Große Yu, den Konfuzius als Begründer der Hsia- Dynastie und das Vorbild für spätere Generationen in seinem „Schu- King“ nennt , genannt.

Man findet das Heldenmotiv auffallend oft im Glauben der Christen, Japaner, Koreaner, im Glauben der Inder und Tibetaner, im Glauben der Muslime und dem der Juden wieder.

Folglich in allen Weltreligionen.

Auffällig ist es, dass die Heldenverehrung nahezu simultan in allen vorzeitlichen Kulturkreisen nachweislich aufgekommen ist.

Fraglich ist nun, ob es sich um eine beginnende Entwicklung oder ein immer da gewesenes Phänomen handelt.

Um diese Frage zu beantworten, ist eine Beleuchtung der Menschheitsgeschichte notwendig.

 

Exkurs in die Menschheitsgeschichte

Die ersten Menschen, die wohl in Hoch-Asien lebten, wanderten nach Ostasien und Java aus. Hier entwickelten sich die kleinhirnigen Frühmenschen.

Der Urmensch kam als Träger erster Kulturformen über Indien, Vorderasien nach Nordafrika und Europa.

Der Urmensch wanderte auch nach Ostafrika ein, wo er sich längere Zeit etablierte.

Während der europäischen Mittelwürm-Eiszeit vor etwa einer Million Jahren folgte eine neue Auswanderungswelle des Urmenschen aus seinem Ursprungsgebiet Hoch-Asien.

Er gelangte von Osten her nach Europa und über Indien, Vorderasien nach Afrika.

Heldenverehrung gehört zu den ältesten Kulturformen der Menschheit und ist vermutlich sogar in den Genen verankert und geht bis zu den Ahnen der Menschen, den Affen, oder deren Vorfahren zurück.

Jedoch stellt sich nun eine wesentliche Frage:

Warum braucht der Mensch Helden?

Heldenverehrung als tierisches Verhaltensmuster

Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, ob es in der Tierwelt Verhaltensweisen gibt, die Parallelen zum menschlichen „Heldsein“ und der Heldenverehrung aufweisen.

In der Tierwelt lässt sich das Phänomen des Respekts vor Stärkeren beobachten. Gibt es nicht „tierische Helden“ mit den heroischen Attributen Mut, Stärke, „Helden-Taten“ und einem hohen Bekanntheitsgrad innerhalb des Rudels oder gar der Rasse?

Schnell fiel uns die Rangordnungen („die Hackordnung“) innerhalb eines Rudels auf.

Ranghohe Tiere sind zugleich in aller Regel besonders kräftig und haben meistens größere Fortpflanzungschancen als ihre rangniederen Artgenossen. Sie erfüllen oft als Leittiere bestimmte „Pflichten“, beispielsweise bei der Beobachtung und der Abwehr von Gefahrenquellen, beim Führen einer Gruppe zu Futterstellen und Tränken und gelegentlich selbst beim Schlichten von Streitigkeiten zwischen rangniederen Tieren.

Die ranghöchsten Tiere werden von dem restlichen Rudel respektiert.

Menschliche Helden verfolgen meist das Ziel, die Gesellschaft oder einzelne Individuen zu schützen. Sie sind stark (im moderneren Sinne: haben „Superkräfte“), haben Mut und werden von der Gesellschaft (dem „Rudel“) respektiert, dabei bleiben sie zurückhaltend.

Dies dient letztlich dem langfristigen Fortbestand der Gruppe. Diese Fähigkeiten, die einen Helden ausmachen, sind im Prinzip die gleichen eines „Leittieres“.

Was bei Tieren automatisch passiert, nämlich das Erstellen einer Rangordnung, muss beim Menschen durch einen Mechanismus ausgelöst werden. Anders als Tiere haben Menschen ein (Selbst-) Bewusstsein und auch spezifische Bedürfnisse.

Auf der Liste der Grundbedürfnisse finden wir auch die Selbstverwirklichung, welche oft durch das Ansehen der Mitbevölkerung erreicht wird. Menschen müssen also zum „Helden“ werden, um von der Masse angesehen zu werden.

Zwar hat die heutige Gesellschaft die ursprüngliche Form des Rudels verlassen – so haben wir nicht mehr eine natürliche „Hackordnung“ - allerdings blieb der „Helden-Trieb“ erhalten.

Letztendlich erhält er tatsächlich unsere Gesellschaft. Jeder wird tagtäglich zum kleinen Helden, auch indem er nur einer alten Dame über die Straße oder Bedürftigen hilft.

 


Bildquelle: www.ehrensenf.de/linktipps-kategorien/cartoons?page=2

 

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