Biografie

Carl Heinrich Kirchhoff

Wer an dieser Stelle eine genaue Biografie Carl Heinrich Kirchhoffs erwartet, den müssen wir leider enttäuschen. Trotz langer und ausgiebiger Recherchen stellt es sich als sehr schwierig heraus, sein Leben zu rekonstruieren, da kaum belegbare Fakten über ihn vorhanden sind.

Zu unserem Erstaunen mussten wir feststellen, dass Karlchen in vielen Berichten von Zeitzeugen lebendig ist, doch auf Nachfragen hin sind nur vage Details, die sich teils auch noch widersprechen, über ihn bekannt. Manchmal hatten wir das Gefühl, einem Phantom der Stadt Neuss hinterher zu jagen. „Karlchen“ ist zwar ein Neusser Original, scheint aber doch eher eine Legende zu sein.

Trotzdem wollen wir an dieser Stelle einen Versuch starten, sein Leben zu beschreiben:

Carl Heinrich Kirchhoff wurde am 16. Juli 1922 in Neuss geboren, das damals zu Preußen gehörte.

Eigentlich haben wir an diesem Punkt schon fast die Hälfte aller belegbaren Fakten über ihn aufgezeigt. Uns liegt seine Karteikarte des Neusser Einwohnermeldeamts vor. Ihr kann man wenige Daten entnehmen, so auch die Religionszugehörigkeit (katholisch), die Namen der Eltern und die Wohnadresse.

Carl war das zweite oder dritte Kind von Maria und Heinrich Kirchhoff. Karlchen, wie er Zeit seines Lebens genannt wurde, war anders als die meisten anderen Kinder, doch für viele seiner Mitmenschen wahrscheinlich nicht in positiver Weise… Karlchen litt an einer geistigen Behinderung.

Weitere Angaben zu seiner Familie sind widersprüchlich und tauchen nur in den Zeitzeugenberichten auf. So soll er eine ebenfalls geistig behinderte, ältere Schwester namens Lissi und einen Bruder namens Klaus gehabt haben.

Maria Kirchhoff soll sich auch noch intensiv um ihre beiden behinderten Kinder gekümmert haben, als diese schon erwachsen waren. Über Klaus und dessen Vater Heinrich geben weder schriftliche Quellen, noch können Zeitzeugen weitere Auskünfte geben.

Carl Heinrich Kirchhoff verbrachte seine ersten Lebensjahre auf der Freiheitsstr. 12 in der Christian-Schauerte-Siedlung im Neusser Norden, auf der sog. Neusser Furth. Eine Schule besuchte Karlchen nie, da er, so Zeitzeugen, „wohl niemals in der geistigen Verfassung dazu gewesen wäre.“

Da er auch keine Berufsausbildung hatte, arbeitete er laut Zeitzeugen als Hilfsarbeiter für einen großen Gemüsehändler und half auf dessen Feldern, die im Gebiet des Jröne Merke auf der Furth gelegen sind. Anderen Berichten zufolge arbeitete Karlchen in einer Sauerkrautfabrik und schob jeden Tag seinen Bollerwagen durch die Josefstraße am Bahnhof, da sich die Fabrik hier befand.

Leider konnten wir trotz intensiver Nachforschungen bei verschiedenen in Frage kommenden Krankenhäusern in Neuss nicht in Erfahrung bringen, an welcher Art von geistiger Behinderung Karlchen tatsächlich litt, da diese keine Informationen herausgeben konnten, wollten oder durften, da er noch nicht lange genug tot ist.

Wir wissen, dass Karlchen und seine Schwester im Gegensatz zu Gleichaltrigen stark gealtert aussahen und sich wenig koordiniert bewegten. Diese Beschreibung trifft auf ein Alter zu, in dem die beiden bereits erwachsen waren.

Carl war sehr auf ein gepflegtes Äußeres bedacht. Er besuchte jeden Tag seinen Stamm-Friseursalon „Heyers Bübchen“ auf der Neusser Furth, wo er sich rasieren ließ.

Eine Bemerkung des Zeitzeugens Peter Albrecht, die uns erschüttert hat und über die wir gerne mehr in Erfahrung gebracht hätten, ist die, das Carl Heinrich zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland zwangssterilisiert worden sein soll.

Während er also zu einer früheren Zeit seines Lebens vielleicht Opfer der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus wurde, erhielt er später im Leben durch seine Bedeutung für das Neusser Bürgerschützenfest doch noch eine für ihn wichtige Anerkennung.

Auf Grund seiner Behinderung scheint Karlchen keine Freunde gehabt zu haben und verbrachte den Großteil seiner Zeit mit seiner Schwester am Christian-Schauerte-Gedenkbrunnen in seiner Siedlung.

Von den Kindern auf der Straße wurde er häufig gehänselt. Sie wussten, dass er schnell aggressiv wurde, wie uns Inge Becker, die in seiner Nachbarschaft aufwuchs, erzählen konnte.

Diese Aggressivität oder „Bösartigkeit“ soll auch in späteren Jahren nicht verschwunden, sondern, im Gegenteil, nur noch schlimmer geworden sein.

Der Karteikarte des Einwohnermeldeamtes Neuss kann man entnehmen, dass Carl in die „Anstalt“ in Bedburg-Hau eingeliefert wurde, und zwar vom 17. Juli bis zum 9. August 1947. Warum er dort war und welcher Behandlung er sich unterzogen hat, wissen wir nicht. Es lässt sich aber vermuten, dass er dort aufgrund seiner immer stärker werdenden Aggressionen therapiert wurde.

Im Laufe der Jahre soll sich Karlchens Charakter weiter zusehends verändert haben. Er war zwar kurzweilig ruhiger geworden, wurde aber Ende der 60er Jahre rückfällig und wieder zusehends aggressiver.

In dieser Zeit kam er dann auch mit der größten Neusser Heimattradition, dem Neusser Schützenfest, in Berührung, die sein ganzes späteres Leben beeinflussen sollte…

Karlchen, der schon immer begeistert die vielen Schützenzüge am letzten Augustwochenende verfolgt hatte, sollte nun endlich (vordergründig) auch Teil dieser Gemeinschaft werden.

Es scheint so, als sei eine wichtige Freude im Leben Carls das Schützenfest in Neuss gewesen.

Obwohl er von der Mitgliedschaft in Schützenzügen ausgeschlossen war, verlor Karlchen nicht das Interesse an den Schützen und so kam es, dass er zunächst an Pfingsten beim Schützenfest des Stadtteils Furth mitlief und den Zug „indirekt“ ankündigte:

Karlchen hatte eine Beschäftigung bei den Schützen gefunden, seine Aufgabe war es nämlich, die Pferdeäpfel der vor dem Zug reitenden Pferde aufzusammeln. Aufgrund seiner schlaksigen, unkoordinierten Gangart und seiner offensichtlichen Freude über seine Arbeit, fiel er jedem schnell ins Auge, und so war er nach einigen Jahren ein fester Bestandteil des Zuges und mehr sogar, eine Art „Maskottchen“.

Bleibt zu fragen, ob ein Schützenzug einen Behinderten aus Solidarität und Nächstenliebe teilhaben lässt oder dies doch nur fürs Image tut, da diese Vereine zu dieser Zeit eventuell keinen Behinderten aufnehmen wollten.

Nach zwei oder drei Jahren fand er dann sein Glück im Schützenfest: Er marschierte vor dem Zug weg. Aufgehalten wurde er von niemandem, da er bekannt war und man ihm seine Freude nicht nehmen wollte. Außerdem versuchte man Konflikte mit dem leicht reizbaren und aggressiven Carl zu vermeiden.

Mit einem „Da kütt’ Karlchen“ vom Publikum wurde von nun an inoffiziell der Further Schützenzug angekündigt.

Als dies auch die folgenden Jahre passierte und weder die Polizei noch die Schützen selbst gegen ihn einschritten, da er ja nicht offiziell zur Abfolge des Zuges gehörte, wurde er bald von immer mehr Menschen vor dem Zug erwartet.

Karlchen erweiterte sein „Einsatzgebiet“ um die Schützenfeste rund um Neuss und schließlich auch um das große Neusser Schützenfest in der Innenstadt. Er war nun ein fester Teil des Neusser Heimatfestes.

Dies ging so weit, dass Karlchen jedes Jahr aufs Neue von einem anderen Schützenverein ausgestattet wurde und ebenso einen Königsorden (Eine besondere Ehrung, die eigentlich nur engagierten Schützen zusteht) verliehen bekam.

Außerdem durfte er in der letzten Zeit, die er „Teil“ des Festes war, auch einen (Spielzeug-) Tambourstock führen und so tun, als würde er einen ganzen Zug befehligen. Karlchen marschierte jedoch nie in einer Uniform der typischen Uniformen der Neusser Schützen, sondern erschien jedes Jahr aufs Neue in seinem für ihn bald typischen grauen Anzug.

Ein immer wiederkehrendes Ritual war auch die Reaktion der Kinder am Straßenrand, die ihm, wenn sie ihn vor dem Zug mit seinem aufgrund seiner Behinderung unsicheren Gang vorne weg marschieren sahen, zuriefen „Karlchen, mach Parad!“, woraufhin er entweder wirklich parierte oder sie böse anfuhr.

Ob diese „Heldenverehrung“ wirklich ernst gemeint war, oder er doch in Wirklichkeit nicht nur zur Volksbelustigung vorgeführt wurde, bleibt fraglich. Schließlich lachten viele über und nicht mit ihm.

Die Meinungen über Karlchen waren geteilt: Von den einen wurde er geliebt, da er trotz seiner Behinderung ein solches Ansehen in seiner Heimatstadt genoss, von den anderen nicht akzeptiert. So auch nicht von dem neuen Neusser Polizeichef Dr. Knecht, der Karlchen in seiner Amtszeit Mitte der 50er-Jahre dazu aufforderte, dem Zug fern zu bleiben, da es sich hier um eine Veranstaltung nur für Traditionsschützen handele.

Dies stieß jedoch auf große Kritik bei den Schützen, und so sorgten schließlich die Grenadiere dafür, dass der Schützenzug nicht auf Karlchen verzichten musste. Karlchen durfte bei ihnen mitmarschieren, und da der Polizeichef keinen Einfluss auf die Vereine und deren Regeln hatte, konnte er Carl nicht aufhalten.

Auch über Carl Heinrich Kirchhoffs Tod ist nichts bekannt. Wir konnten weder das Sterbedatum noch –ort oder seine Begräbnisstätte ausfindig machen.

Zwei letzte Hinweise liefert uns noch einmal die Kartei des Einwohnermeldeamtes Neuss: Carl Heinrich wird dort unter Berufsbezeichnung als „Invalide“ geführt. Wurde er hier von Anfang an wegen seiner Behinderung als solcher geführt, oder gibt es andere Gründe, wie zum Beispiel eine Kriegsverletzung, was uns allerdings unwahrscheinlich erscheint. Auf der anderen Seite ist er, laut Kartei, von der Bundeswehr zumindest erfasst worden.

 

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Karlchen als Antiheld

 

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